Cathleena schaute erneut auf das Padd und runzelte die Stirn. Sie hatte kurz nach ihrem an Bord kommen auf der Ahrissa die Beurteilung des Assessment Centers auf Trill erhalten, an dem sie nach ihrem Abschied von der Cameron noch teilgenommen hatte, bevor sie ihren Urlaub antreten konnte. Ihre Kabine auf der Ahrissa war nur wenige Quadratmeter groß, aber diese erfreuten sich nun reger Beanspruchung durch eine auf und ab tigernde Counselor auf Urlaub.
‚Urlaub, eine schöne Beschreibung für eine Weiterbildungsmaßnahme und dann das hier’, überlegte sie und schüttelte den Kopf. Anschließend nahm sie sich das PADD noch einmal vor und las halblaut. „…überlässt Sie die Führung aber trotz Ihres Dienstgrades anwesenden Kommandooffizieren und zieht sich auf eine beobachtende/beratende Position zurück. Dies hindert sie aber nicht daran, ihre eigenen Ziele beim kommandierenden Offizier durchzusetzen. Dies tut sie stets auf indirekte, subtile Weise.“
Sie kniff die Augen leicht zusammen und wendete zum fünfzehnten Mal. Hätte sie so eine Beurteilung bei einem Bewerber auf einen Posten auf der Cameron gelesen, hätte sie sich zuerst einmal gefragt, ob diese Person nicht vielleicht einen manipulativen statt eines kooperativen Führungsstils verfolgte. Davon abgesehen hatte man ihr immerhin bestätigt, dass sie ihre Ziele mit ihren Methoden durchaus erfolgreich durchzusetzen verstand.
Das Problem an der Sache war nicht, dass Cathleena und auch die anderen Führungsoffiziere der Cameron nicht genau wussten, dass sich die Counselor in der unterstützenden Rolle sehr viel wohler fühlte, als als Kommandierender. Nicht umsonst sträubte sie sich immer noch gegen ihre Rolle als Kommandooffizier, auch wenn es ihr inzwischen nicht mehr so schwer fiel. Letztendlich hatte es auf Trill auch keinen Grund gegeben, dieses Muster zu ändern. Sie hatte schmunzeln müssen, als sie zum ersten Mal das Fazit der Auswertung gelesen hatte. Dass ihr autoritärer Führungsstil praktisch nicht existent war, sofern nicht ein absolut außergewöhnlicher Notfall eintrat, war nicht unbedingt eine neue Erkenntnis und würde auch Toran und Mario kaum überraschen.
Nach ihrer Einschätzung hatten sich McCullum und sie einfach in gewissem Sinne gewohnheitsmäßig verhalten und nach Dienstposten, nicht nach Dienstrang agiert: McCullum füllte seine Rolle als 1. Offizier ebenso kompetent aus, wie Cathleena ihre als Counselor und 2. Offizier. Dass ihre Ränge eine alternative Führungsstruktur zu den Schiffsposten vorgaben, hatten sie nie diskutiert und das war auch nicht nötig gewesen, da alle anfallenden Entscheidungen kooperativ getroffen werden konnten. Hätte man ihre Gruppe auf der Brücke der Exeter arbeiten lassen, hätte McCullum sicherlich ebenso selbstverständlich den Captainschair eingenommen, wie Cathleena das auf der Brücke der Cameron getan hätte. Überhaupt hatten sie ihrer Meinung nach ausnehmend gut zusammen gearbeitet. Sie fand es beruhigend zu wissen, dass sie sich auch nach so vielen Jahren auf der Cameron noch in andere Teams integrieren konnte.
Im Nachhinein betrachtet wäre es vielleicht interessant gewesen, tatsächlich eine echte Konfrontationssituation zwischen ihr und dem XO der Exeter zu provozieren. Aber nicht einmal bei der halbwegs konfrontativen Fenster auf vs. Fenster zu Übung waren sie auf unterschiedlichen Seiten gelandet. Stattdessen hatte Cathleena quasi einen Schein- Kompromiss mit einem der Exeter Crewmitglieder geschlossen. 5 Minuten offene Fenster („die Gegenpartei“) gegen dann „für immer“ geschlossene Fenster (Cathleenas Aufgabe) konnte sie einfach nicht als echten Kompromiss betrachten, dafür dachte sie zu langfristig. Eigentlich hatte sie der „Gegenseite“ lediglich erlaubt das Gesicht zu wahren. Dass die Tür auf vs. Tür zu Gruppe sich dem ganzen auch noch angeschlossen hatte, machte deutlich, wie wenig ernst die Aufgabe genommen worden war. McCullum hatte dabei irgendetwas mit Stühlen anstellen sollen. Stuhlstapel vs. Stuhlkreis, soweit sich Cathleena erinnerte.
Wenn es etwas gab, das sie an diesem Assessment Center wirklich auszusetzen hatte, dann betraf das den zweiten anwesenden Counselor, Lt. Masterson. Nach allem, was sie bisher an Kontakt gehabt hatten, hatte Cathleena den Eindruck, dass er von dem Training wahrscheinlich ebenso viel oder wenig profitiert hätte wie sie selbst. Stattdessen hatte man ihn in seiner gewohnten Beobachterrolle gelassen. Sie zuckte die Schultern. Die Counselor war selbst in diesem Prozess… sie konnte nicht behaupten, dass sie ins Kommando wollte, aber dann waren da die Umstände, die etwas anderes wollten. Führung und Kommando waren eben doch zwei unterschiedliche Sachen, selbst für Führungsoffiziere der Sternenflotte und daher hätte sie persönlich empfohlen, ihren Kollegen in eine Teilnehmerrolle zu bringen.
Sie warf das Padd auf den Schreibtisch und schüttelte den Kopf, um die Gedanken frei zu haben für das, was als nächstes auf sie wartete. Umgezogen hatte sie sich bereits und wartete vorerst nur noch, dass ihre Cousine sie abholen kam, um ihr Problem etwas genauer zu erklären. Schultern zuckend und sich fragend, wo diese so lange blieb, öffnete Cathleena die Kabinentür und machte sich daran, die Ahrissa zu erkunden. Die Steuereinheit eines Transportschiffs würde sie wohl schon noch ohne Hilfe finden…