Storyline

Starfleet Operations Con 8

Persönliches Logbuch Cadet Speren, Sternzeit 53902.180100 (26.11.2376, 0450h TSZ)

Auf Anraten meines Vaters beginne ich hiermit ein persönliches Logbuch. Diese Aufzeichnungen werden meine persönlichen Gedanken und Meinungen zu Dingen, Abläufen, Geschehnissen und auch zu Personen wiedergeben, insbesondere auch jene Gedanken, die ich im Sinne meiner Privatsphäre nicht mit anderen Personen teilen möchte. Aufzeichnung beginnen:

Einige Wochen sind nun vergangen, seit wir mit der U.S.S. Curie, (einem ehrwürdigen Schiff der Miranda Klasse) von Sternbasis 1 aus zu Sternbasis 514 aufbrachen, von wo aus wir just am vergangenen Wochenende den neuen QWSS Antrieb austesteten, den die technische Abteilung entwickelt hat. Die Exeter verbleibt währenddessen zum Zweck einer vollständigen Überholung auf Sternbasis 1. Freilich war mein Anteil am QWSS-Projekt eher gering, als Angehöriger der Sicherheitsabteilung im Rang eines Kadetten kann ich ausser Wachdienst vermutlich wenig zu diesem bedeutsamen Projekt beitragen. Dennoch gibt es einiges, was ich hier festhalten möchte, damit es mir in späteren Zeiten eine nutzbringende Lehre sein kann, an der ich zu wachsen vermag:

Vorgestern erreichten wir Basis 514, wo wir vorerst andockten. An der Basis angedockt erreichte mich ein Paket meines Ziehonkels Tarok, das einen T'Khasi Handphaser ziviler Herkunft enthielt. Er fügte ausserdem eine Nachricht bei, die ich hier der Vollständigkeit halber aufzeichne:

Gruß Dir, Sean-kam.

Ich beglückwünsche Dich zu Deiner Versetzung auf die U.S.S.Exeter und verleihe meinem Wunsch Ausdruck, dass Dir Dein Dienst an Bord Erfüllung spende. Anbei übersende ich Dir als Geschenk einen Handphaser (Typ T'Zaled) der neuesten Generation, der für Händler und Diplomaten T'Khasis entworfen wurde. Ich denke, dass Dir dieses Gerät auf Deinem neuen Posten von Nutzen sein kann, schlimmstenfalls, in dem es Dich (wie es die Typenbezeichnung sagt) bis zum Ende schützt, was ich jedoch angesichts des endlich erreichten Friedens für angemessen unwahrscheinlich erachte. Ferner möchte ich Dich darüber informieren, dass meine Enkeltochter Savel von der Sternenflottenakademie akzeptiert wurde, was sie Dir jedoch vermutlich selbst mitteilen wird, da ich sie ermutigte, den Kontakt zu Dir zu suchen. Euch beiden ist eine halbmenschliche Herkunft zu eigen und Ihr könnt und sollt beide von wichtigen Erkenntnissen im Umgang mit diesem Faktum profitieren.

Frieden und langes Leben

Dein Onkel Takta

Ich beantwortete diese Nachricht umgehend wie folgt:

Gruß Dir, Onkel Takta.

Vielen Dank für die Nachricht und noch mehr Dank für den Phaser. Entsprechend Deinem Wunsch gehe ich tatsächlich davon aus, dass er mir sehr von Nutzen sein wird, auch wenn ich ihn aufgrund der geltenden Vorschriften lediglich auf Befehl oder nach Erhalt eines Offizierspatents tragen darf, welches ich jedoch wie geplant mit maximaler Kapazität anstrebe.

Ich erwarte mit Neugier Savels Botschaft, insbesondere aufgrund unserer Herkunft werden wir viel Gesprächsstoff haben. Ich bin sehr wissbegierig, ob sie ebenso wie ich diese subtilen aber dennoch nachhaltigen Integrationsschwierigkeiten hat, die ich des öfteren Feststelle, wenn einer meiner menschlichen Charakterzüge meine mentale Disziplin zu durchbrechen sucht. Wie Du und Vater prophezeiht habt, hat sich das Harfenspiel positiv auf meine Gemütsruhe ausgewirkt. In der Tat konnte ich somit in den vergangenen elf Monaten einen Gutteil dessen, was Vater "Lebensfreude" nennt, zurückgewinnen, trotzdem mich die Cardassianer soviel davon kosteten, wie Du selbst aus eigener Erfahrung weisst. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich meine emotionale Verfassung verbessert, allein durch den Klang, den die Saiten singen und durch die... Emotionen, ... die ich empfinde, wenn die Bewegungen meiner Finger Melodien formen. Vaters Holoprogramm, das die grasgrünen Weiten Eires zeigt, verstärkt diesen Effekt noch.

Ich bin sehr optimistisch, dass meine so erreichten Fortschritte es mir leichter gestalten, von der Besatzung dieses Schiffes akzeptiert zu werden.

Ich melde mich, sollten sich in irgendeiner Form mitteilenswerte Neuigkeiten ergeben.

Langes Leben und Gedeihen

Speren

Kurz nachdem ich Lt. jg. Wagner über den Phaser informiert und ihn in der Sicherheitszentrale eingelagert hatte, kamen einige Reporter und auch ein bajoranischer Gastwissenschaftler an Bord, um das Testschiff zu sehen, was für die Sicherheit ein nicht ungewisses Maß an Arbeit darstellte, da ihnen der Zutritt erst am Tag darauf gewährt werden sollte, aber zumindest einer der Reporter meines Erachtens nach wenig Verständnis dafür zeigte. Seine Versuche, Besatzungsmitglieder teilweise wider Willen zu einem Interview zu überreden, waren von unangebrachter Beharrlichkeit und zum Teil schlicht unhöflich. Mehrfach überkam mich das faszinierend starke Bedürfnis, seinem inakzeptabelst überdimensionierten Redeschwall mit einem wohlplatzierten Griff in den Nacken Einhalt zu gebieten; selbstverständlich widerstand ich.

In der gestrigen Nacht gegen 0400h drang der Bajoraner in den gesicherten Hangar ein, wozu er die Biodaten eines gewissen Lieutenant Commander Sturek simulierte. (Anmerkung: Lt.Cmdr. Sturek ist der für das Projekt zuständige Ansprechpartner bei der Sternenflotte und ihm obliegt es, Genehmigungen für Projektbetandteile zu erteilen, inklusive der Testflüge.)

Lt. jg. Wagner überlistete den Bajoraner jedoch mit einer optischen Kamera und nahm ihn fest, nachdem er vom Bordcomputer über jede Person informiert wurde, die den Hangar außerhalb der Dienstzeiten betrat.

Der Bajoraner wurde Tags darauf auf die Sternbasis transferiert. Wie sich herrausstellte, hatte er das Testschiff beschädigt, dennoch konnte zum allgemeinen Wohlgefallen Tags darauf (also vorgestern) der geplante Testflug stattfinden.

Ich tat an diesen beiden Tagen in erster Linie Wachdienst im Hangar und ausser einer Routineuntersuchung (nicht Inspektion, wie man mir erläuterte) im Bordlazarett erscheint mir nur die "Betreuung" der Reporter erwähnenswert sowie die Verhaftung des Bajoraners und die Feier, mit der der erfolgreiche erste Testflug mit Gebäck und einem vergorenen Traubensaftgetränk gewürdigt wurde, welches geschmacklich zwar sehr akzeptabel war, mir aber wider Erwarten erheblich zusetzte.

Und jener Test, dem man mich unmittelbar nach der Feier unterzog. Am Abend des 25ten erhielt ich Befehl, mich auf der Brücke zu melden. Da wir zu dieser Zeit an Basis 514 gedockt waren, und ich die Brücke daher unbesetzt wähnte, empfand ich den Befehl, mich dort zu melden, zumindest als ungewöhnlich. Doch meine Neugier sollte schnell befriedigt werden.

Auf der Brücke angekommen wurde ich von Lt. McCullum, Lt. jg. Masterson und von Ens. Navarre erwartet. Die Kombination aus Kommandooffizieren und Psychologen belehrte mich hinreichend über den Sinn meiner Befehle und einige Sekunden später erreichte ich das Zentrum der Brücke mit geschärfter Sinneswahrnehmung und solide gefestigter mentaler Abschirmung. Wie sich herrausstellte, sollten meine Reaktionen in Krisensituationen getestet werden, insbesondere in Kampf- und Notfallsituationen. Ich wurde mir drei Szenarien konfrontiert:

  1. Ein Schiff der Constitution Klasse, dass (von einer T'Khasisu-Lieutnant kommandiert) von einer Dreierrotte von Tlhingansu D7 Kreuzer attackiert und schwerst beschädigt wird; die Aufzeichnung zeigt den Tod sämtlicher Führungsoffiziere durch explodierende Gerätschaften. Die T'Khasisu überlebt und verbleibt allein auf ihrer verwüsteten Brücke.

    Ich wurde zu meinen Reaktionen an ihrer Stelle befragt. Ich listete meine Vorgehensweise auf:

    1. Status überprüfen

      • Status der Brückencrew: tot
      • Status der Brücke: weitestgehend unbrauchbar
      • Status Schiff: schwer beschädigt, Funkkontakt zu den Tlhingansu nicht möglich.
      • Brücke zu schwer beschädigt, Aufsuchen der Hilfsbrücke zu zeitintensiv und vermutlich sinnlos

    2. Aktive Reaktion

      • Aufbau eines Behelfsbefehlsinterfaces zum Computer durch Verwendung eines Kommunikators [Referenz Speren23032373-02: "Verwendung von standardisierter Ausrüstung zum Zweck der Sabotage"] (Anmerkung: Mein Vorgehen scheint die Brücke nicht verlassen zu haben, ich wurde bis dato nicht wegen Anwendung terroristischer Methoden verhört, da die Erschaffung eines Überbrückungsinterfaces via Kommunikator in erster Linie von Terroristen eingesetzt wurde, wäre ein Verhör logisch gewesen.)
      • Befehle über den Kommunikator direkt an den Computer erteilen:
        1. Schilde zusätzlich energetisch versorgen
        2. gezieltes Feuer auf den Halsstutzen der Kommandoeinheit der Tlhingansu
        3. Fluchtvektoren errechnen und anfliegen

    Man wies mich darauf hin, das meine Bemühungen, das Schiff zu retten, scheitern würden. Ich gab den Befehl zur Evakuierung und erfragte den Status des sekundären Kommandoprozessors, um zum Schutz von Sternenflottentechnik vor Erbeutung durch die Tlhingansu die Selbstzerstörungssequenz ohne überlebende Führungsoffiziere zu erzwingen. Ich wurde informiert, dass der sekundäre Kommandoprozessor ausser Funktion sei. Ich erzwang vermittels meines Kommunikators den Zugang zu den technischen Primärsystemen, um die Selbstzerstörung manuell einzuleiten. Das Szenario ward endgültig zur Katastrophe, ich stand letztlich vor der Entscheidung, mein Schiff in Feindeshand fallen zu lassen, oder zwei Drittel der verbliebenen Besatzung aufgrund von Energiemangel bei der Überladung des Warpkerns jedwede Überlebenschance zu rauben (wie paradox). Ich bin selbstverständlich bereit, mich bedingungslos zum Wohl meiner Besatzung selbst zu opfern. Meine Besatzung zum Wohl der Föderation zu opfern erscheint im ersten Moment grausam, erweist sich bei näherer Betrachtung jedoch als bestechend logisch. Ich überlud den Warpkern.

  2. Ein separierter Diskus einer Galaxyklasse-Einheit, im trudelnden Landeanflug auf eine Klasse M Welt. Der Diskus scheint im Verlauf schwerer Kampfhandlungen abgetrennt worden zu sein, er ist in offenkundig schlechtem Zustand. Die Kampfsektion des Schiffes ist vermutlich zerstört, die Aufzeichnungen zeigen Bilder von evakuierten Zivilistenauf den unteren Decks des Diskus. Der Diskus landet bruch und bleibt manövrierunfähig und endgültig raumuntauglich liegen. Erneut wurde meine Reaktion erfragt. Ich reagierte schnell und präzise.

    Szenarioerweiterung: Ich sollte nun annehmen, eine Terransu im Kindesalter klammere sich weinend an mich und frage, was ich tun wolle und ob "alles wieder gut" würde. Ich schilderte, wie ich das hypotethische Mädchen vermittels mentaler Berührung beruhigte und ihm (ohne mir dessen sicher sein zu können) mitteilte, dass die Flotte das Schiff bald finden würde. (Anmerkung: Sollte man mir eines Tages das Kommando eines Galaxyklasse-Schiffes anbieten, werde ich mich auf meine Langlebigkeit stützen und einstweilen Commander bleiben.)

    Ich erläuterte weitere Befehle:

    Ich wurde darauf hingewiesen, dass es unlösbare Probleme gäbe, die den Bau eines Notsenders verhinderten. Ich gab an, eine Versammlung der Führungsoffiziere einzuberufen, zum Zwecke der Beratung. Meine innere Ruhe bekam erste Risse, als mir schlagartig der Fehler bewusst wurde: Nach der Evakuierung des Diskus hätte DAS der erste Befehl sein müssen.

  3. Eine von Piraten gekaperte Mirandaklasse-Einheit (identifiziert als U.S.S. Reliant) im Anflug auf eine aufgerüstete Constitutionklasse-Einheit (identifiziert als U.S.S. Enterprise). Die Reliant aktiviert Waffen und Schilde, der Kommandant der Enterprise vertraut dem Anschein zu lange und gibt erst den Befehl, die Schilde hochzufahren, als die ersten Salven der Reliant bereits die sekundäre Backbordflanke der Enterprise penetrieren. Die Enterprise dreht schwer getroffen ab.

    Ich setzte gerade zu ersten Befehlen an, namentlich Notfallverstärkung der Schilde und gezieltes Gegenfeuer, als die Brücke plötzlich mit Rauch geflutet wurde, einige Konsolen flackerten und fielen aus. Petty Officer 2nd Class O'Kenner taumelte (ohne, dass mir meine Sinne eine akzeptable Vorwarnzeit zugestanden hätten) plötzlich und ohne, dass ich erkennen konnte woher, offenbar schwerverletzt aus dem Achterbereich der Brücke auf mich zu, sank sich an mich klammernd zu Boden und stammelte wirr von einer im explodieren befindlichen Plasmaleitung auf Deck 9. Durch die Berührung hatte ich einen hinreichenden ungewollten Zugriff auf seine oberflächliche Emotionalsphäre, was mich umso mehr verwirrte, da O'Kenner nicht nur nicht tatsächlich verletzt, sondern offenbar völlig gesund war.

    Ich neige dazu, ihm (angesichts dessen, was ich von ihm empfing, ehe ich meine Abschirmung verstärkte) ein nicht ungewisses Ausmaß an Amüsiertheit zu unterstellen, auch, wenn mir völlig rätselhaft ist, was an dieser Situation den Humor eines Teransu erregen könnte. (Ergänzender Nachtrag, 26.11.2376, 1800h: Vater vermutet, dass O'Kenner an meiner prekären Situation humoristisch Gefallen fand, möglicherweise insbesondere dadurch, dass er direkt an meiner vorsätzlichen Verwirrung partizipierte. Er verwendete in diesem Zusammenhang den hinreichend interessanten Begriff "Schadenfreude", was mir jedoch nur zusätzlich Muße zum Nachdenken und Recherchieren verschafft. Standardenglisch ist in der Tat eine faszinierende Sprache.)

    Lt. McCullum forderte mich mehrfach mit Nachdruck auf: "Handeln Sie! Handeln Sie!" jedoch blieb meine Reaktion inaktzeptabel weit hinter meinen und noch wesentlich weiter hinter Lt. McCullums Ansprüchen zurück. Während ich einerseits über dieses Faktum sinnierte und gleichzeitig versuchte, korrekte Befehle zu geben, machte sich in mir das bemerkbar, was Vater als "tine éireann", als "irisches Feuer" (im Sinne von Temperament) bezeichnete. Da ich keine adäquate medizinische Ausrüstung vorfand, entschied ich mich, O'Kenner schnellstmöglich von seinem simulierten Leid zu befreien und ihn gleichzeitig schonungsvoll ruhigzustellen; ich betäubte ihn vermittels eines Nervengriffs und begann anschliessend (viel zu spät und viel zu langsam) Befehle zu erteilen.

Inmitten meiner völlig verspäteten Befehlsversuche wurde die Simulation abgebrochen und Lt. McCullum teilte mir mit, dass O'Kenner ob des Nervengriffs simuliert verstorben sei, was ich ansich für angemessen unwahrscheinlich hielt. Mittlerweile ist mir mein Denkfehler jedoch schmerzlich bewusst: Das Nervensystem einer verwundeten Person auszuschalten ist keine funktionierende Alternative zu einem Sedativ. Was mir allerdings erst einige Zeit später bewusst wurde. Demensprechend blieb ich verwirrt auf der raucherfüllten Brücke stehen und erwartete die Kritik der anwesenden Offiziere, welche mich auch schnell und ohne Möglichkeit zur Gegenargumentation ereilte. Lt. McCullum zweifelte dabei mehrmals den Sinn meiner Anwesenheit an Bord der Exeter an und versicherte mir, dass ich nach seinem Ermessen nicht damit rechnen brauchte, binnen kürzerer Zeit ein Offizierspatent zu erlangen.

Er empfahl mir, so ich denn "den Hauch einer Chance" haben wolle ein Patent zu erwerben, das intensive Studium von Missionslogbüchern aus Krisensituationen, um anhand der Verhaltensschemata der jeweiligen Kommandanten meine Fehler zu verstehen und zu korrigieren. Ich bejahte dies und durfte wegtreten, wobei ich jedoch eine geringfügige Wahrscheinlichkeit für eine erneute Überprüfung direkt außerhalb der Brücke berechnete. Diese trat aber nicht ein, wofür ich dankbar bin. An die genauen Worte der Kritiken kann ich mich nicht mehr entsinnen, meine Erinnerungen sind bedauerlicherweise unvollständig beziehungsweise ungenau. Ich analysierte später meinen mentalen Zustand, um den Grund dafür in Erfahrung zu bringen und kam abermals zu dem Schluss, dass es definitiv ratsam sein dürfte, den erneuten Konsum von vergorenen Traubensaftgetränken zu vermeiden, da sich meine Schwierigkeiten während der Simulation zu einem nicht geringen Teil auch darauf zurückführen lassen.

Nach der Simulation nahm ich meinen Wachdienst wieder auf und las, den Blick stetig zwischen Hangar und PADD wechselnd, die ersten Logbücher, welche ich zuvor an einer Wandkonsole heruntergeladen hatte. Während ich den Hangar bewachte, Logbücher auswertete und über die Fehler meines Vorgehens und den sich in meinem Geist rapide ausbreitenden Zustand der Konfusion sinnierte, sprach mich Petty Officer 2ndClass O'Kenner mit kameradschaftlich-jovialem Tonfall an und teilte mir mit, dass ich mich in seinen Augen "gut gehalten" hätte. Ich bedankte mich für die unerwartete Fürsprache und vermied es, Fragen zu stellen um meine Verwirrung, vielmehr meine beginnende völlige Auflösung in aufkeimenden Selbstzweifeln zu verbergen. Dieses Problem sollte noch erheblich zunehmen.

Ich wurde 15,26 Minuten später abgelöst und meldete mich in der Sicherheitszentrale, wo ich, während ich neue Befehle erwartete, weiterhin mit maximalem Datendurchsatz Missionslogbücher las und auswertete. Nach 13,8 gelesenen Logbüchern betrat Lt. jg. Wagner das Sicherheitsbüro und sprach mich auf die Simulation an und befragte mich dazu. Meine Konfusion steigerte sich auf ein bis dahin unerreichtes Ausmaß, als er mir mitteilte, Lt. McCullum hätte seine Meinung bezüglich meines Verhaltens während der Simulation anders formuliert, als er es tatsächlich empfände. (Ich bin mir an dieser Stelle unsicher bezüglich der Güte meiner Englischkenntnise, sollte der Lieutenant mich angelogen haben? Und wenn ja, warum?)

Zu diesem Zeitpunkt versagte meine mentale Abschirmung erstmals sichtbar, Lt. jg. Wagner wies mich darauf hin, dass es keinen Grund gäbe, nervös zu sein, was ihm nur aufgrund eines Abschirmungsversagens aufgefallen sein konnte. Als ich mich Sekundenbruchteile später wieder notdürftig unter Kontrolle hatte, fragte ich ihn direkt: "Warum, Sire, bin ich hier? Was hat Sie dazu bewogen, mich in Ihrer Abteilung aufzunehmen?" Obwohl ich angenommen hatte, für diese reichlich indiskrete Frage zurechtgewiesen zu werden, antwortete Lt. jg. Wagner in einem freundlich-beruhigenden Tonfall, dass er mich deswegen in seiner Abteilung aufgenommen hätte, weil ich über ein formbares Potential verfügte und weil er schlicht und ergreifend zusätzliches Personal brauche. (Offenbar steht es seit dem Krieg noch immer sehr schlecht um die Flotte, was ich angesichts der verheerenden Verluste jedoch für verständlich halte.) Ich verzichtete auf weitere Fragen, man soll schlafende Le-Matyas nicht mit Steinen bewerfen.

Nach Dienstschluss begab ich mich ins Aboretum, wo sich ein Großteil der Offiziere, einer der Reporter und auch einige Unteroffiziere versammelt hatten. Sie spielten ein Spiel namens Poker, von welchem mir mein Vater stets warnend abgeraten hatte, weshalb ich nur über rudimentäre Kenntnisse dieses Spiels verfügte. Ich bat Master Chief Petty Officer Westwood darum, mir die Grundzüge des Spiels zu erläutern und ehe ich mich versah, zahlte man mir meine 70 monatlichen Holominuten in Chips aus und ich erhielt 5 Spielkarten. Gemessen an den Warnungen meines Vaters und meinen resultierenden Befürchtungen schlug ich mich jedoch recht gut, als die Spielrunde um 0436h endete, besaß ich wider Erwarten noch meine vollständige Kleidung und hatte immerhin 16 von 70 Holominuten retten können. Ich bin zur festen Überzeugung gelangt, dass MCPO Westwood mit Fug und Recht als "Kartenhai" bezeichnet werden kann, und dass er, erführe er davon, diesen ansich negativ behafteten Ausdruck vermutlich als Kompliment verstehen würde. Über das vergangene Spiel und über meine Konfusion während der Simulation nachdenkend, begab ich mich zur Ruhe. Computer? Aufzeichnung beenden und speichern.

Persönliches Logbuch Cadet Speren, Sternzeit 53904.713114 (27.11.2376, 0500h TSZ)

Computer, Auzeichnung beginnen. Ich bin völlig am Ende, total aufgebracht. "Panisch" beschreibt meinen Zustand schon eher. Aufruhr herrscht in meinem Geist, ja Unordnung und vollkommenes Chaos. Was soll ich tun? VERDAMMT! was kann ich noch tun? Vielleicht sollte ich, ehe ich mich komplett in Vulgaritäten ergehe, Zeit und Gelegenheit nutzen, um die Gründe für meinen Zustand zu erläutern. Ich beginne ganz am Anfang des Problems, vor mittlerweile zwölf Jahren und sieben Monaten:

Nach der Selbstzerstörung der Erkenntnis im Kampf gegen den cardassiansu Zerstörer Tokar in den Badlands am 13.05.2364 wurde ich mit den elf anderen Überlebenden (siehe Anhang Speren13052364, "Besatzung der Erkenntnis und deren mutmaßliches Schicksal") aus unseren Rettungskapseln geborgen und an Bord der Tokar wegen Spionage unter Arrest gestellt. Gul Tolen Harkat war offenbar persönlich beleidigt, weil die überdurchschnittliche Bewaffnung der Erkenntnis (für deren Installation Stelk, der Vater von Mutters erstem Bindungspartner Solan gesorgt hatte) mehr als nur kosmetische Schäden an der Tokar verursacht hatte, sogar die von mir (auf fehlerhaft berechnetem Kurs) ausgeschleuste Notbake hatte eine längliche Oberflächendeformierung an der Backbordflanke der Tokar hinterlassen. Das Ausmaß von Harkats gekränktem Ego erschloss sich mir, als ich Jahre später erkannte, dass wir erheblich schlechter behandelt worden waren, als sonst bei Cardassiansular üblich. Wir wurden letztlich in ein cardassiansu Straflager nahe der Badlands transferiert. In den 23 Monaten, die ich in diesem Lager verbrachte, ehe ich von meiner Familie getrennt und in ein anderes Lager in den Badlands selbst verbracht wurde, und in den vier Jahren und sieben Monaten, die ich in diesem zweiten Lager zubrachte, ehe ich freikam, erlebte ich viele grauenerfüllte, abscheuliche Momente, Momente voller Blut, Schmerz und Tod, Momente, die mich gezeichnet haben. Ich hatte einfach nicht die Ausbildung, um dieses Grauen zu verarbeiten, es auch nur zu akzeptieren, daher verdrängte ich das meiste, nahm mir selbst die Erinnerung daran. Was sich heute als fatal erweisen sollte.

Der Tag begann für mich mit erneutem Wachdienst im Hangar, in dem fieberhaft gearbeitet wurde, um das offenbar schadhafte Testschiff flugbereit zu machen. Gegen Mittag begab es sich, dass ich auf der Brücke Dienst tat, als wir das offenbar beim zweiten Testflug verschollene Testschiff suchten. Wir fanden den Runabout auf einem Mond abgestürzt und wurden unversehens von einem ferengisu Marodeurklasse-Schiff angegriffen, mit einer Waffe, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Energiedämpfer der Breensular hatte. Die Curie war (vermutlich ob ihres hohen Dienstalters) nicht gegen diese Waffe immunisiert worden, sodass sämtliche Waffensysteme ebenso wie die primäre taktische Konsole und etliche andere Schiffsysteme ausfielen. Mit maximaler Geschwindigkeit versuchte ich, wenigstens ein Minimum an Defensivpotential wiederherzustellen, womit ich jedoch scheiterte, da die Waffensysteme zwar technisch in Ordnung waren, aber schlicht und ergreifend die Energiezuführung ausgefallen war. So blieb ich an der Sicherheitskonsole, über deren Kontrollen ich die taktischen Systeme bediente, bis der Marodeur plötzlich auseinander brach und nichts als Trümmer und zwei Rettungskapseln übrig blieben. In einer der Kapseln, die an Bord geholt wurde, befand sich eine Orionsu, eine scheinbare Sklavin, die offenbar unter Schock stand und an einem Gedächtnisverlust litt. Sie trug eine tlhingansu Tätowierung auf der Hand, eine Art Hauswappen der Tlhingansular, welches auf der Brücke untersucht wurde.

Ich hatte Befehl bekommen, bei der Bergung präsent zu sein und wurde schließlich angewiesen, die Orionsu zu bewachen, auch, als sie in die Krankenstation verlegt wurde, wo man versuchte, sie zu beruhigen, da sie hysterisch und völlig außer sich war. Nicht völlig ohne Stolz kann ich vermerken, dass ich ihr helfen konnte, sich zu fassen, da ich mehrfach einen sehr oberflächlichen mentalen Kontakt zu ihr herstellte und ihr über die entstandene Verbindung das Gefühl von Frieden und Sicherheit suggerierte, was letztlich dazu führte, dass die Orionsu ihre anfängliche Panik unter Kontrolle bekam. Während ich Wachdienst tat, wurden die Angehörigen der Testschiffcrew verletzt und erschöpft in die Krankenstation gebracht und behandelt. Ich bekam Weisung, weiter in der Krankenstation zu verweilen.

Ich stand bereits etwa eine Stunde Wache in der Krankenstation und führte zeitweise eine lockere Unterhaltung mit der Orionsu, als plötzlich das Licht aus und wieder an ging. Instinktiv zückte ich meinen Tricorder und begann den Fehler zu suchen, als ich mir bewusst wurde, dass ich - offen gesagt - nicht den Hauch einer Ahnung von den etwaig schadhaften Systemen hatte. Ich hielt daher meinen Tricorder hoch und fragte laut, ob jemand von der Technik anwesend sei, um das Problem zu untersuchen. Das spontane Gelächter, das erschallte, da ich Lt. Tokhinen völlig übersehen hatte, legte sich schnell wieder, als ich darauf hinwies, ihn ob der zu hellen Beleuchtung nicht erkannt zu haben. Er nahm sich des technischen Problems an und begann, an einer Wandkonsole zu arbeiten, verließ jedoch nur kurz darauf die Krankenstation, obwohl er noch immer verletzt war, um das Problem vom Maschinenraum aus zu lösen. Lt. jg. Wagner teilte mir Minuten später mit, dass offenbar die internen Sensoren ausgefallen seien. Er hatte den Eindringlingsalarm ausgelöst und schien mit allem zu rechnen, offenbar inklusive eines möglicherweise schwerst bewaffneten Eindringlings.

Er gab mir den Befehl, in der Krankenstation zu verweilen und diese wenn nötig gegen einen etwaigen Eindringling zu verteidigen, was mir verwunderte Blicke all jener einbrachte, die die Krankenstation nach Wagners Abgang betraten und zuallererst in die Mündung meines präzise auf ihre Kopfhöhe einschwenkenden Phasers blickten. Um nicht ständig Konzentration für bessere Sinneswahrnehmung aufwenden zu müssen, programmierte ich meinen Tricorder darauf, kontinuierlich den Bereich vor der Krankenstation abzutasten, um mir ein akustisches Signal zu geben, so sich jemand lebendiges der Tür näherte. Etwa eine halbe Stunde später wurde der Alarm beendet und ich setzte meinen Wachdienst zu normalen Bedingungen fort. An die genauen zeitlichen Abläufe der Geschehnisse, die sich unmittelbar darauf ereigneten, kann ich mich nicht mehr erinnern, meine Erinnerung ist durch den sich nun anbahnenden Vorfall leider sehr... bruchstückhaft, wenn ich die Metapher vom Anfang dieses Eintrags zu Rate ziehe, könnte man sagen, meine Erinnerung wiese Brandlöcher auf. Ich habe in den vergangenen Stunden versucht, soviel wie nur eben möglich zu rekonstruieren.

Computer, Aufzeichnung pausieren.
Computer, Aufzeichnung fortfahren.

Es muss etwa gegen 1900h gewesen sein, ich versah noch Wachdienst in der Krankenstation, als - ich glaube sein Name war - Lt. Vinzenz Lloyd den Raum betrat und der Orionsu ein PADD überreichte. Ich mutmaße, dass es Daten über ihre Vergangenheit enthielt an welche sie sich zu jenem Zeitpunkt noch immer nicht entsinnen konnte. Zu diesem Zeitpunkt, so meine ich, war Lt. Wagner gerade dabei, mir und Cadet 3rd Class James Maxwell, der unserer Abteilung im Rahmen eines Kadettenpraktikums zugeteilt worden war, neue Befehle zu erteilen. Maxwell sollte sich im Transporterraum für einen Außeneinsatz melden und ich sollte in Kürze die Brücke aufsuchen. Meine Abschirmung zu diesem Zeitpunkt war trotz der Konfusion des Vortags wieder innerhalb akzeptabler Werte und ich fühlte mich insgesamt angemessen wohl. Was sich nun schlagartig ändern sollte.

Während Lt. Wagner noch seine Befehle erläuterte, ließ die Orionsu das PADD fallen und stieß ohne für mich ersichtlichen Grund einen schrillen Schrei voll puren Entsetzens aus, der mich in den Grundfesten meines Geistes erschütterte... und aufweckte, was in mir hatte ruhen sollen, bis ich stark genug wäre, um mich ihm zu stellen. Als der Schrei meine Ohren erreichte, spürte ich, wie der darin zum Ausdruck kommende Schrecken, wohl durch die kürzliche mentale Verbindung mit der Orionsu, für einen Moment meine geistigen Schilde durchschnitt, wie ein Phaser durch handwarmes Gallium schnitte und tief in meine Seele vorstieß, wo der grausame Widerhall auf etwas traf, das sich erinnerte. Vor meinem inneren Auge entstand ein Bild, das fast auf den Tag genau zehn Jahre zuvor sich unauslöschlich in meinen Geist gebrannt hatte, hörte abermals jenen Schrei, den ich niemals vergessen werde... und der dem, den die Orionsu ausstieß, zum verwechseln ähnlich war. Das nackte Grauen befiel mich. Nur am Rande bekam ich mit, dass Lt. Wagner alles nichtmedizinische Personal der Krankenstation verwies, so auch mich. Trotz des Tosens in meinem Kopf, trotz der Pein der wiedererwachenden Erinnerungen, die ich verdrängt geglaubt hatte, schaffte ich es, ohne, dass mein Zustand jemandem auffiel, gemäß Befehl die Brücke aufzusuchen, wo ich meinen Posten an der Taktik einnahm. Meine Körpertemperatur stieg stetig, womit sie nur dem schlechten Beispiel meines Blutdrucks folgte und erreichte schnell kritische Werte. Für einige kurze Momente wähnte ich mich schon im Plak Tow und war verwundert, weil ich zu diesem Zeitpunkt am wenigsten damit gerechnet hätte, als mir klar wurde, dass beide Symptome auf die hervorbrechenden Erinnerungen und den in meinem Verstand tobenden Kampf zurückführbar sein mussten. Ich versuchte, meinen Körper zu beruhigen, ihn abzukühlen, was mir jedoch eine zweifache verbale Rüge Lt. Wagners wegen schlecht sitzender Uniform einbrachte. Hektisch, vielmehr panisch, konzentrierte ich den größten Teil meiner Aufmerksamkeit darauf, dienstfähig, bei Bewusstsein und vor allem bei Verstand zu bleiben. Wenigstens bemerkte Wagner nicht das Zittern meiner Hände.

Während ich vom (wie ich beinahe fürchtete) letzten großen Kampf gegen mich selbst vollauf in Anspruch genommen wurde, dabei die Kontrollen meiner Station mit gerade mal terransu-durchschnittlicher Geschwindigkeit und Präzision bediente, kamen noch andere auf die Brücke. Ich meine, dass es Cadet Jedatha, eine Fesoansu von der OPS, Cadet Maxwell, Terransu und Angehöriger meiner Abteilung und noch jemand, an den ich keine Erinnerungen mehr habe, gewesen sein müssen, doch in kann mir dessen nicht völlig sicher sein. Da augenscheinlich nichts zu tun schien, sollten wohl sämtliche Kadetten an Bord praktische Erfahrung im Brückendienst sammeln. Wir flogen mehrere simulierte Einsätze gegen cardassiansu Galorklasse Zerstörer, bei denen wir uns abwechselten und insgesamt sehr unterschiedlich abschnitten. Ich stellte fest, dass die Phasersteuerung fehljustiert war, was zu viel zu kurzen Impulssalven mit praktisch nichtigem Waffenpotential führte, was ich jedoch binnen einer dadurch beinahe gescheiterten Simulation beheben konnte. Trotz des Kampfes in mir gelang es mir, akkurat zu zielen. Die Simulationen endeten zusammen mit meiner Schicht, sodass ich mich zusammen mit etlichen anderen Besatzungsmitgliedern in der Messe zum Abendessen einfand, wo die Schiffsköche anlässlich der Testflüge ein an Dekadenz grenzendes Büffet kreiert hatten. Ich wusste die Nahrung kaum zu würdigen, allein beim Gedanken daran, etwas zu essen, wurde mir schwindelig und ich hatte den Eindruck, mich übergeben zu müssen. Da ich bereits erahnte, dass die Konfrontation mit mir selbst, die ich seit etwa einer Stunde mit brutalster Gewalt wider mich selbst gerade so unter Kontrolle hielt, viel Kraft verbrauchen würde, stellte ich mich dennoch an, um wenigstens eine Kleinigkeit zu mir zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt fiel mein Zustand erstmals auf; Lt. McCullum fragte mich, ob alles in Ordnung sei, und machte mich auf das Zittern meiner Hände aufmerksam. Ich umging die Wahrheit, ohne ihn anzulügen und behauptete, innerhalb normaler Parameter zu funktionieren, was insofern korrekt war, dass es völlig normal ist, dass ein T'Khasisu seine sämtlichen Geisteskräfte nach innen richtet, wenn sich sein allgemeiner Zustand kritisch verschlechtert.

Ens. Conway von der medizinischen Abteilung hingegen kam kurzzeitlich in direkten Körperkontakt mit mir und sie muss den Krieg so dicht unter der bereits bröckelnden Abschirmung gespürt haben, denn sie nahm mich zur Seite, nagelte mich förmlich mit ihrem Blick an das Schott hinter mir und verhörte mich geradezu (wie mir schien), um zu erfahren, was mit mir los sei. Wenn die Heftigkeit ihrer somit zum Ausdruck kommenden Sorge um mich auch nur annähernd proportional ist zu der Instabilität meiner Abschirmung, und der damit einhergehenden mentalen "Bestrahlung" meiner direkten Umgebung, ist es fast schon ein Wunder, dass niemand vor mir die Flucht ergriffen hat, da selbst eine hauchfeine Berührung bereits Bilder aus meinem Geist übertragen hätte. Bilder voller Schmerz und grausamer Erinnerungen.

Von Conway nun derart an die Wand gestellt, sagte ich ihr ehrlich, dass ich Probleme hätte, bekundete jedoch, dass eine medizinische Behandlung bis nach dem Essen warten könne, und dass ich ohnehin vorgehabt hätte, nach dem Essen das Lazarett aufzusuchen. So beruhigt, stellte sie sich mit mir wieder in die Schlange am Büffet. Nach meiner - hastig konsumierten - Mahlzeit erwartete ich sie in der Krankenstation, in der Lotushaltung, die ich bei T'Surien, meiner so lange verstorbenen Mentorin, so oft gesehen hatte, auf einem Biobett sitzend. Auf die Frage, ob ich meditierte, erwiderte ich der eintretenden Conway, das ich nicht einmal die grundlegendsten Kenntnisse meditativer Techniken hätte. Ich schilderte ihr mein Problem so detailliert wie ich es vermochte und bat sie um ein neurales Sedativ, damit wenigstens für die Nacht die Schreie in meinem Kopf aufhörten. Ens. Conway wies darauf hin, dass sie eine medizinische Behandlung für womöglich übertrieben hielt und schlug eine gemeinsame Meditation vor, während der sie mir mit ihren mentalen Fähigkeiten (sie ist zur Hälfte Cyndrielsu) versuchen würde, mir zu seelischem Frieden zu helfen. "Für alle Fälle" nahm sie ein Hypospray mit einem mir nicht näher erläuterten Medikament an sich. Ich empfand ihre Idee als Chance, meinen Geist wieder unter Kontrolle zu bringen und in mir reifte die wage Hoffnung, durch ihr zusätzliches Potential könnte sie meinen Geist stabilisieren, während ich den Schaden behöbe. Wie hätte ich ahnen können, dass exakt diese Maßnahme für mich zur Katastrophe werden sollte? Ich willigte ein, es mit Meditation zu versuchen und wir gingen auf Deck 1 der Curie, in eine Sitzecke, die zum Arboretum gehört, ließen uns dort nieder und setzten uns einander in der Lotushaltung gegenüber, wobei Ens. Conway meine Hände ergriff... ... und zusammenzuckte, als sie die überwältigende Gewalt meiner Erinnerungen überrollte. Nachdem sie sich wieder gefasst hatte, begannen wir mit der Meditation. Die Hände Conways ergriffen, versuchte ich, ihrer Anweisung, mich zu entspannen, zu folgen und kämpfte mit ihrer Hilfe Stück für Stück meine eigene Abschirmung nieder. Ich hoffte, das Problem unter Kontrolle zu bekommen, indem ich meine Abschirmung senkte, damit sie mir nicht im Weg sei. Meine Abschirmung ist jedoch darauf ausgelegt, unter allen Umständen aktiv zu bleiben und so hatten Ens. Conway und ich einige Minuten zu tun, bis sich die Abschirmung endlich senkte. Währenddessen waren wir über unsere Berührung geistig verbunden und sie bekam einen Einblick in die grausamen Erinnerungen, die ich vor meinem inneren Auge sah. Ich spürte ihre Abscheu gegenüber der abstoßenden Verbrechen, die ich hatte mit ansehen müssen und die ich nun erneut durchlebte und ihr Mitleid mit jenen, die ich leiden gesehen hatte. Sie schauderte ob der rohen Gewalt, mit der diese Erinnerungen über mich herein brachen und ich tat es ihr gleich. Endlich senkte sich meine Abschirmung soweit, dass ich meinte gleich damit beginnen zu können, den Schaden zu beheben, doch als die Abschirmung fiel...

Dunkelheit! Grelles Licht! Dann Stimmen! Schreie! Um mich herum! Man sagte mir später, ich sei in diesem Moment ohnmächtig zusammengebrochen. Einige Zeit danach kam ich völlig verwirrt auf der Krankenstation zu mir, fühlte mich wie "der Lappen, mit dem Nachts um 0300h im Pub der Boden gewischt wird". (Ich zitierte hierbei auszugsweise Vaters recht unterhaltsame Umschreibung der Nachwirkungen überdosierter Alkoholika) Ich erblickte da ich mich umsah, Conway, ebenso Lt. jg. Jaris, die Chefmedizinerin der Exeter und Lt. Silok, unseren Wissenschaftsoffizier. Ich konnte mich zuerst an nichts entsinnen, wähnte mich noch in den Minuten vor dem... Schrei der Orionsu; träge wie mattglühender Stahl flossen meine Erinnerungen in mein Gedächtnis. "T’Linna? T’Neniel? Wo sind sie?" fragte ich in meiner Muttersprache, ehe ich völlig wieder zu Bewusstsein kam, doch es gab keine Antwort auf meine Frage. Man sagte mir, dass ich einen neuralen Schock erlitten und Silok mich zurückgeholt hätte, mein Zustand sei jedoch nicht mehr kritisch, ich sei ferner für den Rest des Tages dienstunfähig und somit krank geschrieben. Auf Anraten Ens. Conways begab ich mich ins Arboretum, um mich zu erholen, wo ich die Zeit nutzte, um bei einer Tasse Tee meine Erinnerungen zu sortieren. Es gelang mir, das zu rekonstruieren, was ich sah, was mich gefangen hielt, während ich bewusstlos auf der Krankenstation lag.

Vater hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass die Harfner von Eire aus alter Zeit auch Geschichtenerzähler gewesen seien. Da ich mich selbst seit bald einem Jahr ebenfalls zu den Harfnern zählen darf, zumindest in spe, will ich diesem Beispiel nacheifern und meine Erinnerungen, die ich verdrängt hatte und die - aus ihren Fesseln befreit - mich nun in Atem halten, in Geschichten zusammenfassen, um sie niederzuschreiben und sie so zu verarbeiten. Ich bin mir bewusst, dass ich damit nicht genug getan haben werde, ich werde überdenken müssen, was Lt. jg. Jaris gesagt hatte, ich werde überdenken, Lt. Silok zu bitten, mein Mentor zu werden, um meine Ausbildung zu vollenden. Doch nun will ich versuchen, meine mich überrennenden Erinnerungen niederzuschreiben, ich hoffe, es so originalgetreu wie nur eben möglich wiederzugeben; denn nur, wenn ich das Grauen niederschreibe, kann ich es aus meinem Geist verbannen. Hoffe ich zumindest...

Computer, Aufzeichnung beenden und neue Datei öffnen.

Persönliches Logbuch Cadet Speren, Nachtrag

Aufzeichnung beginnen. Es tut gut, endlich alles niedergeschrieben, vielmehr diktiert zu haben, endlich bin ich es los. Nun kann ich mit dem Rest der gerade vergehenden Nacht fortfahren. Nachdem Silok mich auf der Krankenstation ins bewusste Sein zurückgeholt hatte und man mich entließ, begab ich mich ins Aboretum. Dort replizierte ich mir ein Glas kalten Tees und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Ens. Conway gesellte sich schließlich zu mir, vermutlich, um sich meines Wohlergehens zu versichern, ich habe an das folgende Gespräch nahezu jede Erinnerung verloren. Später kamen viele andere hinzu, in erster Linie Offiziere; offenbar feierten sie die wohlbehaltene Rückkehr der Testschiffsbesatzung. Die verschiedenen Unterhaltungen der Anwesenden verstummten schließlich, als die jg. Lieutenants Wagner und Masterson eine Art rethorisches Duell inszenieren, in dem sie möglichst redegewandt für den jeweils anderen peinliche Momente in Szene setzten, offenbar zum nicht unerheblichen Amüsement der anderen. Letztlich (so hatte es für mich den Anschein) machte sogar Ens. Navarre ihre Entscheidung bezüglich eines Versetzungsantrages vom Ausgang des Duells abhängig. Der exakte Her- und Ausgang des Duells ist mir entfallen, jedoch steht folgendes für mich fest: Ens. Navarre ist nach wie vor an Bord (was in meinen Augen sehr positiv zu werten ist) und sollte Lt.jg. Masterson jemals so etwas wie Stolz und Würde besessen haben, dürfte er nach diesem Abend noch für Wochen mit der Wiederherstellung beschäftigt sein. Ich verließ letztlich die Runde, vorgebend, mich zur Ruhe zu begeben, und kehrte in mein Quartier zurück. Ich bezweifle jedoch, Ruhe zu finden heute Nacht.

Computer, Aufzeichnung beenden und abspeichern!

Persönliches Logbuch Cadet Speren, Sternzeit 53905.737704 (27.11.2376, 1200h TSZ)

Faszinierend. PO T'Aloviks wurde entführt. Von der Orionsu und Lt. Lloyd, der völlig unerwartet zum Verbrecher wurde, indem er sich an der Entführung beteiligte. Ich war heute gegen 0730 aufgestanden und meldete mich um 0900 (nach dem Frühstück) auf der Brücke. Angesichts der gut verlaufenen Ereignisse des Testflugs wurden Beförderungen ausgesprochen, alles schien in Ordnung zu sein. Bis der Sicherheitsalarm ausgelöst wurde und einen nichtgenehmigten Transportereinsatz anzeigte. Sämtliche anwesenden Mitglieder der Sicherheitsabteilung stürmten stehenden Fußes zu dem Quartier, wo sich der Sicherheitsverstoß zugetragen hatte. Lt. Wagner überbrückte die Türsicherung und wir untersuchten den Raum, konnten aber außer einigen wenigen Kampfspuren nichts aussagekräftiges finden, worauf hin wir zur Brücke zurückkehrten. Dort hatte man inzwischen die Sicherheitsaufzeichnungen des Quartiers ausgewertet und auf den Hauptschirm gelegt. T'Aloviks war offenbar unter Vortäuschung falscher Tatsachen in das Quartier gelockt worden, wo er (für ihn völlig überraschend) von Lloyd und der Orionsu niedergeschlagen, alle drei dematerialisierten direkt darauf. Wir konnten das Transportsignal nicht zurückverfolgen. Wir kehrten daher zur weiteren beratung in die Sicherheitszentrale zurück, wo ich nun sitze, und mein Logbuch aktualisiere. Wo ich gerade damit Zeit verbringe, sollte ich vielleicht meinen Gesamtzustand protokollieren, damit so Rückschlüsse auf die tatsächlich verbliebenen Schäden meines Zusammenbruchs gestern möglich werden: Körperlich geht es mir soweit gut, ich bin noch ein wenig erschöpft, reagiere jedoch völlig normal auf gegebene Stimuli. Geistig betrachtet gestaltet sich das ganze erheblich... verwachsener. Ich kann es nicht näher beschreiben. Eigentlich geht es mir ganz gut, von der Erschöpfung einmal abgesehen, aber irgendwie... ... irgendetwas... fehlt. Irgendwie bin ich nicht... vollständig? Ich MUSS mit Lt. jg. Silok darüber sprechen.

Computer, Aufzeichnung beenden, ich habe noch ein paar Phasergewehre zu warten bis heute Abend; vielleicht finde ich dann eher eine Antwort...

Zum Seitenanfang

[ Zurück | Storyline | Weiter ]