Vatertochter, Geistesschwester.
Ich weiß, du wirst seufzen wenn du diesen Brief gelesen hast und dir die Stirn reiben wie du es immer tust, wenn du dich fragst, weshalb du dich vor vier Jahren für meinen Entschluss eingesetzt hast, zur Sternenflotte zu gehen.
Ich kann dir die Genugtuung verschaffen, daß ich meine Entscheidung selbst inzwischen manchmal in Frage stelle. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte vor anderthalb Wochen das Schiff verlassen, vielleicht sogar meine Ausbildung abgebrochen und wäre heimgekommen. Aber eines nach dem anderen... beruhige dich wieder, höre die ganze Geschichte und erzähle vor allem Az’ra nichts vom Anfang dieses Briefes weil sie sonst sagen wird, daß sie es gleich gewusst hat und mich mit Aufforderungen überschütten wird, endlich nach Andoria zurückzukehren.
Vor etwa einer Woche waren wir auf dem Weg zu einer Sternbasis an einer der abgelegenen Grenzen der Föderation um mit einer bislang weitgehend unbekannten Rasse Kontakt aufzunehmen. Entschuldige wenn ich nicht allzu viele Details preisgebe, aber ich bin mir über die Geheimhaltungsstufe der Mission nicht allzu sicher. Da sie ein ziemliches Desaster war kann ich mir jedoch denken, daß die Sternenflotte nicht allzu erpicht darauf ist, die Sache an die große Glocke zu hängen. Die Details der eigentlichen Mission sind auch nicht so wichtig wie die Begebenheiten die sich derweil ereignet haben.
Ich weiß dass Az’ra und du mir oft ins Gewissen geredet habt, dass es keine gute Idee ist auf ein Schiff zu gehen, dessen Besatzung hauptsächlich aus Menschen besteht und ich denke ich weiß jetzt, was ihr damit gemeint habt. An der Akademie waren alle Querelen zu erklären, aber hier an Bord kann ich es nicht verstehen, daß Menschen feste Regeln, geschriebene Gesetze und sogar die Direktiven oft mehr als eine Art Richtlinie verstehen, die sie ständig glauben hinterfragen zu müssen. Und selbst diejenigen, die die Regeln wirklich als solche verstehen bringen es nicht fertig, dies den anderen ins Gesicht zu sagen oder sie zu maßregeln, nein, sie diskutieren mit ihnen.
Ein Beispiel: Es gab wieder einen Ethik-Kurs am zweiten Tag unseres Aufenthaltes auf der Sternbasis. Lieutenant McCullum, der zweite Offizier der Exeter, hat ihn geleitet und, wie ich fand, seine Sache gut gemacht. Und dann war da wieder diese Officer Dawson aus der Sicherheit. Ich habe dir ja schon einmal geschrieben, was ich von dieser Menschfrau halte. Officer Dawson jedenfalls zeigte in besagtem Ethik-Kurs wieder einmal mit Inbrunst, wie wenig sie die Grundprinzipien der Sternenflotte verstanden hatte und stellte alle Regeln zugunsten der Individualität in Frage. Ich argumentierte mit Feuereifer gegen sie, erreichte aber rein gar nichts. Auch Ihre Crewkollegen und –kolleginnen hatten keine Chance gegen die Verbohrtheit dieser Frau. Ich bat schließlich Lieutenant McCullum wieder zum Thema zurückzukehren und habe mich sehr gewundert, weshalb er dies nicht schon früher getan hat.
Siehst du, das ist ungefähr die Basis des ganzen Problems: Wenn die Führungsoffiziere ein solches Verhalten gutheißen oder zumindest nicht streng genug Maßregeln passen sich die Menschen dem gerne an anstatt es abzulehnen – so zumindest mein Eindruck. Wer weiß, vielleicht kann ich ihn auch wieder revidieren. Zumindest hat der erste Offizier, Commander Stafford, gegen Ende unseres Besuches auf der Sternbasis recht harsche Worte gesprochen dass so etwas nicht mehr vorkommen würde. Ich glaube ihm. Deswegen werde ich auch weitermachen.
Ich weiß, du hast mir von all diesen Problemen schon früher erzählt und hast deine eigenen Erfahrungen gemacht – und so mache ich meine Erfahrungen eben am eigenen Leib. Jeder so, wie er es verdient, wie Az’ra sagt.
Aber ich habe auch eine andere Erfahrung gemacht, und diese finde ich interessant: Ähnlich wie wir unsere Familie über alles stellen stellen, ist den Menschen die Freundschaft zu anderen Crewmitgliedern extrem wichtig – sie stellen sie oft sogar über die Rangfolge oder die Gesetze. Und das ganz ohne Verwandschaft und obwohl sie sich oft erst seit wenigen Jahren kennen. Ich bin sicher, du wusstest das schon, aber für mich war es eine interessante Beobachtung.
Aber eigentlich wollte ich dir von der Mission erzählen, also werde ich jetzt damit fortfahren. Für die Dauer der Mission wurde ich der Abteilung Kommando für ein Praktikum im Bereich Diplomatie zugeteilt. Da weder Lt. Mulligan noch ein weiteres Mitglied meiner Abteilung mit auf die Sternenbasis hinübergehen sollte war ich – das muß ich zugeben – ziemlich aufgeregt. Was, wenn ich gravierende Fehler gemacht hätte? Was für ein Licht hätte das auf meinen Ausbilder geworfen? Aber meine eigenen Fehler waren nachbetrachtend das geringste worüber ich mir Sorgen machen musste. Mir ist aufgefallen, daß manches Crewmitglied amüsiert darüber war, mit welchem Eifer ich alle Informationen während des Briefings am Abend aufgenommen und sofort in mein PADD gespeichert habe. Ich glaube, manche halten mich für Übereifrig... Und das ist schon amüsant, oder? Ausgerechnet ich... übereifrig. Einige meiner Ausbilder an der Akademie hätten annehmen müssen, daß von einer anderen Andorianerin die Rede sein muss.
Diese Rasse, auf die wir treffen sollten, erinnerte mich in der Beschreibung ziemlich an Klingonen oder an unser Volk: Kriegerisch, leicht reizbar, sehr traditions- und ehrenbewusst... also eigentlich einfach im Umgang wenn man weiß, wie man mit ihnen sprechen muß. Und hier haben wir ein weiteres, menschliches Phänomen: Ich habe den Eindruck, sie behandeln die meisten anderen Rassen wie ihresgleichen und scheinen der Ansicht, alles was auf zwei Beinen läuft und ein erkennbares Gesicht hat, sollte sich auch irgendwie menschlich betragen. Für mich ist das Anlass für ständige Verwirrung... und du weißt selbst, daß Verwirrung leicht zu Ärger umschlagen kann.
Entschuldige, wenn dieser Brief dir wie eine Verarbeitung meiner Probleme mit der menschlichen Spezies anmutet, aber irgendjemandem gegenüber muß ich diese Gedanken einmal loswerden und der Counselor wäre da wohl keine so gute Wahl, da er auch ein Mensch ist.
Zurück zur Mission: All diese kleine Schwierigkeiten waren doch eigentlich nur kleine Stolpersteine... die eigentliche Hürde, gegen die wir auf dieser Mission liefen, war eine ganz andere und familiärer Natur. Du musst wissen, daß die schon einmal erwähnte Officer Dawson einen Vater hat, einen gewissen Admiral Dawson, seines Zeichens Chef von Starfleet Security... oder besser gesagt, ehemaliger Chef von Starfleet Security. Eben jener Admiral Dawson tauchte nämlich im Geleit unserer Verhandlungspartner auf, einige Gefolgsleute waren ebenfalls bei ihm, und er händigte uns seine Kündigung auf einem PADD aus. Obgleich er noch Waffen und Uniform der Sternenflotte trug, sagte er sich also von ihr los und suchte das politische Asyl bei unseren Verhandlungspartnern. Mir erschien dies verwirrend und ich habe bis zum heutigen Tag nicht verstanden, weshalb er nicht unauffällig verschwinden konnte, sondern sich in die Verhandlungen einmischen musste. Was ich schlimmer fand als die Anwesenheit eines Verräters an der Sternenflotte war, daß sich ein Andorianer in seinem Gefolge befand, der die Sternenflotte durch seine pure Anwesenheit in Dawsons Gefolge ebenfalls verraten hat, und was noch immer die Wut in mir zum Kochen bringt ist die Tatsache, daß sich dieser Andorianer meinem Zugriff entzogen hat und mit seinem Verrat davon kommt! Ich werde mich jetzt nicht in langwierigen Erzählungen ergehen: Es war ein heilloses Durcheinander diplomatischen Wirrwarrs. Unsere Leute waren überrascht, Dawson zu sehen und versuchten, die Verhandlungen erst einmal so in Gang zu bringen, ohne auf die Anwesenheit eines Verräters einzugehen. Meiner Meinung nach Fehler Nummer eins bei Verhandlungen mit einer Rasse, die auf Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit wert legt. Noch am selben Tag bekamen wir einen Haftbefehl gegen Dawson von der Sternenflotte... und die Verhandlungen gerieten selbstredend ins Stocken, weil unsere Verhandlungspartner in geschriebenen Anschuldigungen keine echten Anklagen sehen. Man hätte Dawson nur zum Duell fordern müssen und die Sache wäre erledigt gewesen, aber dies traute sich niemand. Oder im Gegenzug auf die Gesetzte der Föderation pochen und die Situation auf deren Basis erklären... ich weiß nicht, ob das geschah, aber wenn, dann in meiner Abwesenheit. Es war ein furchtbares Durcheinander, das mich fast in den Wahnsinn trieb, wie du dir vorstellen kannst! Ich bin kein Freund von diplomatischen Winkelzügen und Vortäuschungen irgendwelcher Tatsachen. Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie mir bei diesen ganzen verworrenen Halbwahrheiten zumute war!
Als es dann endlich doch zu der Entscheidung kam, ein Ehrenduell auszufechten, war es wieder diese unsägliche Officer Dawson, die alles zunichte machte! Sie hatte tatsächlich nichts besseres zu tun als sich auf das Shuttle unserer Verhandlungspartner zu schleichen und dort ihren Vater kaltblütig zu erschießen!! Eine solch unglaubliche Dummheit hätte ich noch nicht einmal einem Klingonen zugetraut! Nicht nur, daß sie ein offizielles Mitglied der Delegation erschoß (auch wenn er ein Verräter war), der oben drein ihr Vater war, nein, sie musste noch einen drauf setzen und es auf politischem Hoheitsgebiet der Verhandlungspartner tun! Sie brachte die uns als Vertreter der Sternenflotte hierdurch in eine denkbar schlechte Position.
Und nun muß ich einen Bogen zurück zum Beginn meines Briefes schlagen: Den Prioritäten, die die Menschen in Bezug auf Freundschaften setzen. Officer Dawson wurde zwar selbst an Bord des Shuttles erschossen, doch obgleich ihrer unerhörten Tat belebte unsere Ärztin sie wieder. Dies ist soweit noch verständlich, sie hat einen Eid abgelegt, der sie hierzu verpflichtet. Natürlich forderten unsere Verhandlungspartner, dass Officer Dawson aufgrund ihrer Tat an sie ausgeliefert würde um enthauptet zu werden. Etwas barbarisch aber dies sind eben nun einmal ihre Traditionen... Und, du wirst es erraten, Sprye, natürlich wurde sehr lange über diese Auslieferung diskutiert und über mögliche Wege diesem Schritt zu entgehen. Einerseits bewundere ich solche Loyalität: Diese Frau, Officer Dawson, müsste nach unseren Maßstäben eine sehr ehrenhafte und wertvolle Person gewesen sein, damit wir überhaupt einen Gedanken an einen möglichen Bruch der Gesetze verschwendet hätten, und ich will mir nicht anmaßen, zu beurteilen, ob sie es war oder nicht. Ich habe sie nicht als eine solche Person kennen gelernt, aber es war auch nicht an mir zu entscheiden, ob sie ausgeliefert wird oder nicht.
Wie dem auch sei, durch ihre Tat hat sie jedes Gesetz gebrochen und ihre Crewmitglieder in eine denkbar schlechte Lage gebracht... und dennoch diese Überlegungen. Mich hat diese Unentschlossenheit, einfache, geschriebene Regeln zu befolgen fast wahnsinnig gemacht, wie du dir denken kannst.
Ich frage mich: Die Vulkanier hatten ihren Bürgerkrieg, der sie fast zerstört hätte, und sie haben ihre unumstößlichen Gesetzte der Logik und Kontrolle der Emotion gelernt, um ihr Volk zu retten. Wir Andorianer hatten unsere Bürgerkriege, die uns fast zerstört hätten, und wir haben unser festes System von Ritualen und Gesetzen entwickelt, um unsere Agressionen zu kontrollieren. Die Menschen hatten auch ihre Kriege, die sie fast zerstört hätten... aber ich sehe bei ihnen noch immer Wankelmütigkeit, den Drang, alles zu Hinterfragen, eine starke Steuerung durch Instinkt und Emotion. Gut, ihre Agressionen und Emotionen sind nicht so stark ausgeprägt wie es bei den alten Vulkaniern oder Andorianern der Fall ist, aber dennoch... Die Menschen haben die Gesetze der Föderation und der Sternenflotte mit geschrieben, also weshalb müssen sie sie ständig hinterfragen?
Ich denke, die Zeit auf diesem Schiff wird eine interessante Zeit des Studiums. In vielerlei Hinsicht...
Die Zeit möge uns zusammentragen, sobald es ihr beliebt, Sprye, Geistesschwester.
Dich grüßt
Inoi