Storyline

Starfleet Operations Con 5

Persönliches Computerlogbuch - Jaqueline Dawson

Hallo Computer!

Ach, ich kann eh nicht schlafen – da kann ich auch die Geschehnisse der letzten Zeit aufzeichnen. Vielleicht fallen mir dann noch ein paar Zusammenhänge ein und vielleicht, wenn ich Glück habe, schlafe ich sogar endlich ein. Irgendwie ist das Logbuch diktieren wie Schafe zählen. Also los, auf in den Kampf! Wo fange ich an? Ich denke, am besten bei meinen Ermittlungen auf der Erde... Wieder und wieder habe ich mir den Kopf zermatert, wie ich bei den Ermittlungen um die Auslieferung unseres Captains und in der Sache um Trelka ansetzen kann. Dass ich feststellen musste, dass die Sonderermittlungsgruppe, der ich auf der Erde beitrat, erst sechs Wochen nach der Befreiung Juliannes von diesem gottverlassenen Planeten zusammengerufen wurde und das jede Menge Daten in diesem Zeitraum verschwunden waren, machte meine Nachforschungen nicht leichter. Auch dieser unfähige Lieutenant, der die Sondertruppe leitete, verhinderte geradezu die fruchtbare Arbeit mit den anderen Spezialisten. Wer nur hatte diesen Zahlen- und Faktenreiter an diese Position gesetzt? Angeblich hatte er sich ja freiwillig für diesen Job gemeldet, aber so schlecht, wie er mit der eigentlich guten Gruppe zusammen arbeitete und ihre Fähigkeiten nutzte, musste er sich schon extrem sicher gewesen sein, dass mein Vater ihn nicht hinauswerfen würde - das macht er nämlich grundsätzlich mit Leuten, die so schlecht arbeiten. An die bisherigen Ermittlungsergebnisse des Lieutenants sowie die mutmaßlichen, verstorbenen Schuldigen glaubte ich nicht. Ich musste also ganz von vorne anfangen.

Nachdem ich gelernt hatte, Handershot, diesen ewig plappernden Crewman, für meine Zwecke zu nutzen (gegen Ende der Ermittlungen brachte er mir sogar Pralinen mit) und den Rest der Ermittlungsspezialisten unter einen Hut gebracht hatte, konnte die Arbeit endlich beginnen und nach einer Weile waren wir eigentlich ein gutes Team. Fragte sich nur, wer von diesen Abhör-, Computer- und Beschattungsspezialisten gegen mich arbeitete und wer nicht. Dieses paranoide Gefühl, dass stets jemand heimlich unsere Arbeit beobachtete, mir ins Gesicht log oder eine ausgefeilte Falle aufbaute, in die ich unaufhaltsam hineinschlitterte, machte mich fast wahnsinnig und verursachte mir jede Nacht Schlaflosigkeit und Übelkeit, aber dennoch stand ich jeden Morgen wieder auf und begann von neuem in diesem Sumpf zu wühlen. Mein Name stand mir ganz offensichtlich im Weg, da er mir zwar Tür und Tor öffnete, jedoch eine solche Distanziertheit und Vorsicht bei den befragten Leuten hervorrief, dass ich ihre Aussagen eindeutig in Zweifel ziehen musste. Hier kamen endlich Handershots Fähigkeiten zum Vorschein, zu denen unter anderem gehörte, harmlos und freundlich auszusehen sowie soviel belangloses Zeug zu reden, dass fast jeder Argwohn bei seinen Gesprächspartnern schwand wie Schnee an der Sonne. Sobald ich das bemerkte, war ich selbst gegenüber ihm besonders auf der Hut und schickte ihn immer vor, um die gewünschten Informationen zu bekommen. Nach viele falschen Spuren, Sackgassen und unwichtigen Aussagen hatte ich endlich einen Ansatzpunkt und der hieß Renaro. Renaro war der Mann, den Stafford vor mehr als zwei Jahren losgeschickt hatte, um nach dem Verbleib meiner Mutter zu suchen und der das Wunder vollbracht hatte, mir eine alte Akte und ein Bild von ihr zu beschaffen. George hatte damals alle Bilder von Julianne verschwinden lassen, als sie ihn verließ, und ich hatte seitdem kein Bild mehr von ihr gesehen. Kurz, nachdem ich Juliannes Akte erhalten hatte, war Renaro mit seinem Team im Cardassianischen Raum verschwunden und verstaubte ab da unter ‚MIA’ in den Akten der Sternenflotte. Doch meine Ermittlungsgruppe arbeitete nun gut, ein Umstand, den gewisse Leute anscheinend nicht eingeplant hatten. Wir fanden gegen alle Widerstände heraus, dass Renaro kurz vor seinem Verschwinden dafür angeklagt worden war, sich in die Daten der Sternenflotte und Tacticals eingehackt sowie dort mehrere Dateien gelöscht zu haben. Zu einer Rechtfertigung dieser Vorwürfe war er nie gekommen. Doch was für einen Grund sollte Renaro gehabt haben, Daten zu löschen? Schließlich war dabei, welche zu finden! Auf was war er nur gestoßen, dass man ihn verschwinden ließ? Was wusste er?

Wir wühlten weiter im Dreck, umgingen Sperren und Widerstände, legal wie illegal. Die Jungs hörten fast hunderte von Personen ab und wir besuchten gut zwei Dutzend Zeugen oder Leute, die glaubten, Zeugen zu sein. Handershot begleitete mich fast auf Schritt und Tritt und bald hatte ich es raus, wie ich ihn dazu brachte, ab und zu mal die Klappe zu halten. Zwar musste ich ihn dafür zweimal zum Essen einladen, aber an sich war es kein allzu großes Opfer. Wenn er nicht gerade wie ein Wasserfall unsinniges Zeug redet, kann er ganz charmant sein. Mehrere durchgearbeitete Nächte später hielt ich endlich die groben Einsatzpläne und die Namenslisten der Beteiligten von Renaros Einsatz in den Händen. Als ich Colts Namen sah, hätte ich stutzen müssen. Warum ahnte ich nicht sofort, was ihre Rolle in all dem Verrat war? Wie konnte es dazu kommen, dass ich ihr bereits so sehr vertraute? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war es ihre scheinbare offene und direkte Art. Vielleicht ihre Gespräche mit mir über Moral und Pflichtbewusstsein. Ihr Mut und ihre Tatkraft. Vielleicht auch das vertraute Gefühl, dass sie genauso zwischen den Mühlsteinen der Politik steckte wie ich, genauso unfähig, daraus zu entkommen oder sich anderen gegenüber dazu zu äußern. Vielleicht deswegen, weil sie nach dem Verschwinden des Captains das Gefühl vermittelte, den Weg und die Übersicht nicht zu verlieren. Ich weiß es wirklich nicht.

Doch weiter bei den Fakten, die ich in den Händen hielt: Renaros Truppe war im cardassianischen Raum abgesetzt worden, um innerhalb eines verdammt schmalen Zeitfensters ihren Auftrag zu erfüllen. Colt war oben auf dem Schiff und wartete auf das Signal von der Truppe, dass alles glatt gelaufen war und die Leute wieder an Bord geholt werden konnten. Doch das Zeichen kam nicht und Colt veranlasste, wie es ihr befohlen worden war, ohne Renaro und seine Leute wieder fortzufliegen. Wie konnte ich in Bezug auf Colt nur so blind sein? Eigentlich gehöre ich vor den Kadi - wegen Unfähigkeit – und nicht mein Vater. Da ich nicht wollte, dass der Lieutenant unsere Ermittlungsergebnisse in die Finger bekam, hielt ich sie vor ihm geheim und musste damit leben, dass er weiterhin auf den angeblichen Hauptverdächtigen beharrte und den Fall letztendlich für beendet erklärte. Auf dem Rückflug zur Exeter versuchte ich, den fehlenden Schlaf und das Essen nachzuholen, was mir allerdings nur leidlich gelang. Jeden wachen Moment, jeden Atemzug musste ich nachdenken, grübeln und zweifeln, so dass mir keine Ruhe blieb. Was wusste Renaro? Was spielte Colt für eine Rolle? Wer hatte unseren Captain verraten? Stand seine Auslieferung mit Trelka und Renaro im Zusammenhang? Wann würde der nächste für die Informationen sterben, die ich bekommen hatte? Wer würde der nächste Verräter sein? Ganz ehrlich, Computer – langsam aber sicher werde ich wirklich ein Fall für den Counselor. Das ganze macht mich verrückt und zehrt an meinen Nerven und meiner Gesundheit wie ein Parasit. Wie lange halte ich das noch aus? Doch ich muss aushalten. Ich muss.

Auf der Exeter angekommen stritt ich mich direkt mit Masterson, der sicherlich aus richtigen Gründen ein Gespräch mit mir suchte, aber es völlig falsch begann und beendete. Seine glorreiche Idee, unsere Disziplinlosigkeit an Bord der Exeter anzuprangern und zu behaupten, sie sei Schuld an dem angeblichen Scheitern unserer Mission auf Velos XII, brachte mich zur Raserei. Als wenn ich nicht schon angespannt genug gewesen wäre, nein, ich musste auch noch mit einem unfähigen und verweichlichten Counselor fertig werden, der auf den unschönen Erinnerungen von Gefangenschaften und Folter herumtrampelte, als sei er mit einer Vorta verheiratet. Das ich ihn nicht einfach verprügelt habe, war meinem Respekt vor Caylan zu verdanken, dessen Assistent er immerhin war, und ich ließ ihn einfach unversehrt stehen. Er kann sich, verdammt noch mal, seine neu gefundene Autorität sonst wohin schieben! Als unser glorreicher Assistenzcouncelor danach allerdings anfing, sich bei anderen über mein Verhalten gegenüber ihm als Vorgesetzten zu beschweren und zudem noch die Krankenstation mit seiner Unfähigkeit in Rage versetzte, fing er an, mir und meinen Ermittlungen im Weg zu stehen. Ich beantragte beim Captain eine externe Untersuchung über seine mangelhaften Fähigkeiten als Counselor, doch Starkov bat mich darum, erst eine Nacht über die Angelegenheit zu schlafen, wie er es bei allen anderen auch immer tut. Dann halt später. Wenigstens konnte ich Masterson als persönlichen Counselor ablehnen, wofür Captain Starkov allerdings von mir einen Vorschlag als Ersatz forderte, da Caylan anscheinend Counseling-Gespräche für mich angeordnet hatte. Darüber muss ich auch noch dringend ein Wort mit ihr reden! Als Starkov mir dann erläuterte, dass auch Führungsoffiziere mit einer Grundausbildung in Psychologie für diese Psychogespräche herangezogen werden können, wählte ich spontan ihn selbst und versuchte meinen verblüfften Captain dazu zu überreden, das Gespräch, das wir reichlich betrunken auf seiner Willkommensfeier geführt hatten, als ein solches Psycho-Gespräch anzusehen und mich für ‚geheilt’ zu erklären. Schließlich brauche ich keinen Counselor! Leider ließ er es nicht gelten, verschob aber dankbarerweise die weitere, sinnlose Zeitverschwendung in ferne Zukunft. Starkov kann solche Gespräche ja auch nicht leiden, wovon ich mit Sicherheit profitieren werde! Nichts ist besser, als ein Counselor, der keine Lust zum Counseling hat... Was das Fortkommen unserer allgemeinen Befehle der Exeter anging, eine Realität, die mich zu dem Zeitpunkt und auch jetzt noch eher nebenher beschäftigte, hatten wir Glück: Die Eroberung Betazeds war für uns ein Kinderspiel, so einfach, dass es bei uns im Sicherheitsbüro nicht einmal gewackelt hat.

Noch an demselben Abend beschloss ich, Colt mit meinem Wissen um Renaros Einsatz und dem Fakt, dass ich von ihrer Beteiligung daran wusste, zu konfrontieren. Lediglich Staffords Mitwirken ließ ich aus, um ihn nicht zu gefährden, falls Colt doch gegen uns arbeitete und meine Ermittlungsergebnisse an falscher Stelle landen würden. Ich behauptete einfach vage, dass Renaro auf mein Betreiben hin Nachforschungen in der Trelka-Sache angestellt habe und halt den ganzen Rattenschwanz, den diese Ermittlungen nach sich gezogen hatten. An Colts Reaktion bemerkte ich nun zum ersten Mal, dass etwas absolut nicht stimmte. Sie wirkte tatsächlich schockiert, als ich deutlich zum Ausdruck gab, dass Renaro allem Anschein nach absichtlich bei seinem Einsatz zurückgelassen wurde. Als ich sie fragte, was sie davon hielt und ob ihr die Sache damals nicht seltsam vorgekommen sei, antwortete sie erst nach einer kurzen Pause, zu lang für jemanden, der spontan geantwortet hätte. Colt gab zu, dass es ihr jetzt, nach dem, was ich ihr berichtet hatte, durchaus seltsam vorkommen würde und sie versprach, in der Angelegenheit Nachforschungen zu betreiben. Sie fing an, an dem Befehl zu zweifeln, der ihr damals gegeben worden war und der dazu führte, dass Renaros Team auf dem Planeten zurückblieb. Mir war bewusst, dass ich in ein Wespennest gestochen hatte, doch eine andere Wahl hatte ich nicht. Sollten sie doch auch versuchen, mich zu töten. Es war mir egal. Eine Weile später bat mich Colt, noch mehr über meine Ermittlungen zu erzählen und ich erzählte ihr so viel von meinem Wissen, wie ich es konnte, ohne andere mit hineinzureißen. Schlimmstenfalls konnte ich sie oder die Drahtzieher, die hinter all den Intrigen standen, durch Konfrontation aus der Reserve locken und zu Fehlern verleiten. Im besten Fall würde sie mir einfach helfen. Bei jeder Schilderung meiner Verdachte wurde Colt blasser, besonders bei der Erwähnung des Zwangs, dem meine Mutter nun ausgesetzt war. Damals wusste ich nicht wieso diese Ergebnisse sie, die sonst so beherrscht und kühl war, in dem Maße mitnahmen. Jetzt weiß ich es. Was gibt es zu dem Abend sonst noch zu sagen? Ach ja, das erste, was uns nach der Befreiung von Betazed in fast schon komische Bedrängnis brachte, waren Tribbles, die sich, nachdem ein einziges Exemplar aus einem Stasisbehälter in Kalebs Quartier entwischt war, dermaßen an Bord vermehrten, dass wir fast die Exeter verloren und über Evakuierung nachdachten. Da kämpft man im Nahkampf gegen Jem’Hadar, Cardassianer und anderes Gesocks und wird fast von pelzigen Fellknäueln gekapert! Immerhin konnte ich den Anblick von Wagner, Yxen und Vaughn mit einem Arm voll Tribbles genießen! Wirklich zu herzig... Vielleicht sollten wir ein Bild davon dem OK UE in die Hände spielen zur allgemeinen Vervielfältigung. Als Bildschirmschoner des Brücken-Hauptbildschirm macht sich ein solches Bild bestimmt prächtig!

Unsere Techniker schafften es schließlich, wie auch immer, diese Viecher loszuwerden und die Exeter zu säubern. Zum Glück! Sonst hätte ich nachher auch noch mithelfen müssen, diese Tierchen einzusammeln, obwohl unsere Jungs von der Sicherheit so hübsch eifrig dabei waren. Nachdem die Sicherheit nach einer recht kurzen Nacht endlich aufgehört hatte, Fellknäuel einzusammeln, wurde sie zusammen mit Colt auf eine recht seltsame Mission geschickt, deren Auslöser und Gründe ich leider nur in Grundzügen mitbekam, ein Punkt, der mich und mein blankes Nervenkostüm ähnlich aufregte wie die Konfrontation mit Masterson. Plötzlich waren die Jungs und Colt weg, irgendwo auf Betazed, um einen Ferengi festzunehmen, der angeblich dort unten als Schmuggler tätig war. Ich blieb mit Yxen zusammen an Bord, der genauso wenig über den Einsatz wusste wie ich. So ungewöhnlich, wie mir der Auftrag vorkam, so ging die Sache weiter, da wir kaum, dass unsere Leute auf dem Planeten abgesetzt worden waren, abkommandiert wurden, im All herumschwirrende Wrackteile der Schlacht einzusammeln. Wir hatten zudem keinen Kontakt zur Bodentruppe und mir wurde die Parallele zu Renaros Einsatz allmählich nur zu deutlich. Wie kam nur dieser Auftrag zustande? Wer hatte ihn veranlasst? Wirklich nur Vailliant oder Cruz? Es stank zum Himmel. Doch als ich auf der Brücke meinen Bedenken Luft machte, sah ich an Staffords Gesicht, dass ihm der Auftrag auch nicht passte, doch unsere Befehle waren eindeutig. Konnte man sie über den Haufen werfen wegen reichlich ungesunder Paranoia Einzelner? Wir konnten schließlich nicht jedem Verrat unterstellen. Es kostete mich einiges an Überwindung, alles hinunterzuschlucken, was ich an bitteren Worten auf die Brücke schleudern wollte über Cruz, Vailliant und die ganzen anderen Vorgesetzten der Exeter, die uns daran hinderten, unseren Leuten beizustehen. Irgendwie hatte ich wirklich Angst, dass die Jungs nicht wiederkommen. Als die Bodeneinsatztruppe wieder an Bord beamte, hatten sie zwar den Ferengi gefangen gesetzt, jedoch waren etliche verletzt, Colt lebensgefährlich. Ob das ein Zufall war? Gerade, nachdem sich Colt weiter um Ermittlungen bemühen wollte? Wieso war der Ferengi so wichtig für die Sternenflotte, dass wir extra ein Team dort hinunterschicken mussten und warum waren plötzlich dort Jem’Hadar aufgetaucht?

Conway kämpfte noch eine zeitlang um Colts Leben, doch als es auf der Station still wurde und die Ärzte von ihrem Biobett zurücktraten, wusste ich, dass sie sterben würde. Eigentlich hatte ich es schon vorher gewusst, aber ich hatte immer noch gehofft. Dabei war Colt nur eine weitere Person, die mir hätte Informationen liefern können und die nun all ihr Wissen und ihre Möglichkeiten mit ins Grab nehmen würde. Doch es trat wieder etwas ein, was bestimmte Personen nicht bedacht hatten: Mit ihren letzten Atemzügen gab Colt uns das Versteck eines Datenchips sowie die dazugehörigen Codes preis mit der Bitte, die darauf befindlichen Daten unter allen Umständen zu Admiral von Teuffel zu bringen. Dann umklammerte sie meinen Arm und bat mehrmals um Verzeihung. Erst wollte ich ihrem letzten Wunsch entsprechen, doch dann sah ich ihren Blick. Man sagt mir nach, ich sei empathisch begabt wie eine Warpgondel, doch ich spürte deutlich, wie viele Schuldgefühle sich hinter diesem Flehen verbargen und dass das, was Colt getan hatte, so schwerwiegend war, dass ein Verzeihen mehr als eine letzte Geste für einen Sterbenden war. So verzieh ich ihr nicht und sie starb mit all ihrer Schuld. Jetzt bin ich froh, dass ich stumm blieb. Soll sie für alles, was sie anderen angetan hat, in der Hölle schmoren! Eigentlich hat sie einen so schnellen Tod nicht verdient. Wir begaben uns daran, den Code des Chips zu knacken. Einen Moment überlegte ich, ob ich wirklich wissen wollte, was sich darauf befand und ich wünschte, ich hätte auf meinen ersten Impuls gehört. Doch jetzt ist es zu spät. Erst, als Yxen mir versprach, dass ich die Daten zuerst alleine lesen dürfte, gab ich nach und ließ ihn weiter an den Codes arbeiten, als meine Geduld versagte.

Es war schwieriger, als wir uns vorgestellt hatten, doch mit verbesserter technischer Ausrüstung gelang es schließlich Yxen und seiner Ruhe, die Barrieren zu durchbrechen. Dann war ich allein im Sicherheitsbüro und las das, was mein ganzes Leben mit einem Schlag zerstörte und... Es... es war, wie... wie kann ich es am besten beschreiben? Ja, es war, als hätte jemand auf mich geschossen. Mein Leben war ruiniert, die Realität und alle meine Hoffnungen, die ich noch besessen hatte und die mich optimistisch bleiben ließen, waren wie weggewischt. Mein Vater war der Verräter, der meinen Captain, die Exeter, meine Mutter und mich ins Verderben gesteuert hatte. Der immer noch danach trachtete, uns zu vernichten. Soviel Verrat, soviel Kaltblütigkeit, Lüge und Betrug schlug auf mich ein, dass mein Lebenswillen für eine Weile vollständig erlosch. Er hatte mich vernichtend geschlagen. Es gab keine Hoffnung mehr. Was gab es für mich noch zu verlieren? Ich weiß nicht, wie lange ich dort auf dem Fußboden saß. Ich war betäubt, gelähmt und glaubte, mich nie wieder bewegen zu können. Computer, normalerweise sage ich an solchen Punkten immer, dass ich kein Weichei bin und das solch weinerliches Geschwätz was für Offiziere ist, aber meine bisherige Schilderung meines Zustandes in dem Moment, wo ich Colts Logbücher las, ist bisher nur ein Bruchteil des wirklichen Entsetzens, das ich wirklich fühlte. Irgendwann bin ich aufgestanden, habe den Chip genommen und bin raus aus dem Büro. Es wäre so leicht gewesen, den Chip zu zerstören, aber ich tat es nicht. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, aber die anderen, und denen war ich es schuldig, dass sie erfuhren, wer sie verraten hatte. Auch, wenn es mein Vater war.

Nach einem kurzen Zwischenstopp auf der Krankenstation, wo ich mich erbrach und Conway abwimmeln musste, die mir helfen wollte (wie hätte sie das auch tun können?), ging ich auf die Brücke und verriet vor allen Anwesenden meinen Vater. Den Chip warf ich auf den Boden und ließ alle schweigend zurück. Ich denke, niemand kann erahnen, wie es ist, den eigenen Vater ans Messer zu liefern. Wenn er festgenommen wird, werde ich schuld sein. Ich, seine eigene Tochter. Wie viele Leben ich damit auch später vor weiterem Schaden bewahrt haben mag, es bleibt Verrat und ist somit nicht besser als das, was George oder Colt getan haben. Ich bin nun ebenfalls ein Verräter und hasse mich dafür. Komisch, dass mir in diesem Zusammenhang ein Zitat aus Colts Logbüchern einfällt, aber sie hatte Recht: Ich fühle mich so unendlich schmutzig. Und doch ging alles weiter. Ich atmete weiter, lebte weiter und agierte weiter, aber eher wie eine Maschine und nicht wie ein fühlender Mensch. Bei Colts Beerdigung habe ich deutlich ausgesprochen, was ich von ihr hielt. Von ihr und all den anderen Verrätern. In Gedanken schloss ich mich mit ein. Am liebsten hätte ich vor den Torpedo getreten, aber mir fehlte die Kraft. Ob mich die Crew noch dafür hassen wird, dass ich den Chip nicht vernichtet habe? Sie stehen nun alle im Fadenkreuz der Verräter und vielleicht werden sie in dem Moment, wo sie ebenfalls zu Fall gebracht werden, meinen Namen verfluchen sowie den Tag, an dem sie meine Familie kennen gelernt haben. Der Captain sprach später mit mir und wie immer tat das Gespräch mit ihm gut, doch diesmal konnte er mir nicht wirklich helfen. Ich glaube, er hat das gemerkt, denn er selbst sah mitgenommen und traurig aus. Genauso wie ich fragte er sich nach dem Grund des Verrates, besonders, weil George ihn persönlich an die Breen verkauft hat. Wieso hat er das getan? Was hat mein Vater gegen Starkov? Vielleicht finden wir das noch heraus, bevor mein Vater uns zerschlägt. Es folgte noch eine Beförderungswelle, deren Ende ich nicht mitbekam, weil mir übel wurde. Jaris folgte mir in den Turbolift und erzählte mir irgendwas, aber ganz ehrlich: ich erinnere mich nicht mehr, was sie sagte. Es war alles so weit weg. Aber es war trotzdem gut, dass sie da war. Sie weiß, wann es richtig ist zuzuhören und wann es besser ist einfach die Klappe zu halten - wie es gute Freunde halt sollten. Für Jaris sind solche Gesten selbstverständlich, was ich wirklich bewundernswert finde. Obwohl - eigentlich mag ich es nicht, wenn mich jemand in einem solchen Zustand sieht. Man ist dann so verwundbar, so... so offen! Deswegen meide ich auch immer Conway, die sich zwar auch immer bemüht, freundlich zu sein, aber sie ist halt Betazoid und sieht zu viel. Ich hasse das! Obwohl sie ja da gar nichts für kann.

Stafford wollte mir eine Standpauke halten, weil ich bei den Beförderungen einfach verschwunden bin, aber ganz ehrlich: Was spielt das noch für eine Rolle? Ich glaube, er hat letztendlich verstanden, warum mir Beförderungen im Moment zuwider und mir die Meinung von Offizieren über meine mangelnde Disziplin scheißegal war, denn er hat letztendlich noch versucht, mir die Hoffnung zu vermitteln, dass mein Vater vielleicht doch nicht an allem Schuld war. Aber seinen Optimismus konnte ich nicht mehr teilen. Die Nacht war grauenhaft. Jede Nacht verläuft grauenhaft, seitdem ich den Chip auf der Brücke fallen ließ... Am nächsten Tag retteten wir einigen Flüchtlingen von Betazed das Leben, doch obwohl ich an Bord des explodieren Shuttles bleiben wollte, auf dem der letzte der Flüchtlinge unter Trümmern verschüttet lag, war mein Überlebenstrieb stärker. Es folgten einige Verwicklungen um die betazoidischen Fähigkeiten des Kindes, doch all diese Dinge gehörten zu eben jener unwichtigen Realität, der ich zu dem Zeitpunkt nicht angehörte. Allein, wenn Gefahr drohte und ich meine Arbeit als Sicherheitsmitglied verrichten musste, überschnitt sich die Realität der anderen mit meiner. Denn schützen würde ich sie, um jeden Preis, sonst hätte ich den Chip vernichtet, statt ihn auszuliefern. Bei einer weiteren Befreiungsaktion, bei der wir auf einen cardassianischen Frachter beamten, um Gefangene zu befreien, sah ich mich in den verqualmten Gängen unversehens einem Cardassianer gegenüber, der genauso überrascht war wie ich. Gleichzeitig drückten wir ab und noch im Fallen trieb mich der Schmerz im Brustkorb zur Weißglut. Warum hatte dieser verdammte Löffelkopf nicht höher schießen können? Weil ich immer noch lebte, obwohl ich den Tod suchte, und zudem solche Schmerzen empfand, erschoss ich den Cardassianer, der bewusstlos neben mir auf dem Boden lag. Vielleicht hatte jemand ja Lust, mich deswegen anzuklagen wie man Stark angeklagt hatte, aber in einem Punkt würden Stark und ich uns unterscheiden: Ich würde jederzeit mit Freuden zugeben, den Cardassianer ins Jenseits befördert zu haben.

Es gelang uns, die beiden noch lebenden Gefangenen zu befreien, doch zurück auf der Krankenstation begann ich mehr denn je meine Lebendigkeit zu verfluchen. Es stellte sich heraus, dass die beiden Befreiten ausgerechnet Renaro und McPhearson waren, gerade jene Männer, die mein Vater aus unerfindlichen Gründen in die Gefangenschaft gebracht hatte. Sobald ich konnte, verließ ich die Krankenstation, weil ich die Nähe von Renaro und McPhearson nicht ertragen konnte. Irgendwie fühlte ich mich schuldig, vor allem wegen Renaro, der ja wegen mir und meinen Ermittlungen ‚vergessen’ worden war. Doch eigentlich war ihre Ankunft an Bord der Punkt, an dem ich wütend wurde und meine Lebensgeister wieder erwachten. Ich beschloss, lebendig zu bleiben. Mit Renaro und McPhearson waren schließlich zwei wichtige Zeugen an Bord gekommen, die die Aussagen von Colts Logbuch untermauern könnten. Und da war da noch Julianne, die immer noch bei meinem Vater war und die ich dort wegholen musste. Auch der Exeter war ich es schuldig, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um sie aus dem Schussfeld wieder herauszumanövrieren. Aufgeben ist also immer noch nicht erlaubt - das ist nämlich wirklich was für Weicheier und Offiziere! Wie konnten mich die Ereignisse nur soweit bringen, mir den Tod zu wünschen? Wer bin ich eigentlich, dass ich mich von meinem Vater so fertig machen lasse? Das kommt gar nicht in Frage! Ich bin eine Dawson und werde es bleiben, egal was passiert. Und wir geben nicht auf, weder mein Vater noch ich, noch Julianne. Egal, auf welcher Seite wir stehen. Trotzdem habe ich Angst vor dem Moment, wo ich George wieder sehe und vor dem Augeblick, an dem er erfährt, dass ich ihn verraten habe. In der Realität, die wieder meine geworden war, erfolgten einige schwere Raumgefechte mit dem Dominion, doch obwohl ich mich wieder auf die Geschehnisse um mich herum konzentrierte, war es schwierig, die Situationen zu verstehen, wie immer, wenn man nicht auf der Brücke ist, sondern irgendwo im Schiffsinneren steckt und nur die Einschläge der Torpedos mitbekommt. Warum die Cardassianer plötzlich zu uns überliefen und damit entscheidenden Einfluss auf den Krieg nahmen, wird uns allen wohl noch lange ein Rätsel bleiben, denke ich. Aber das herauszufinden steht nicht an der höchsten Priorität der Dinge, die ich ermitteln möchte.

Wir von der Sicherheit verbrachten den Abend damit, uns dazu zu zwingen, Cardassianer nicht zu erschießen, da einige an Bord kamen, um uns mit unseren Reparaturarbeiten zu helfen. Vor allem Wagner hatte es schwer getroffen, da ausgerechnet Gul Balor auf die Exeter kam und keine Gelegenheit ausließ, ihm verbal eins auszuwischen. Seine Beherrschung war wirklich beachtlich und vielleicht gelingt es mir vor Gericht, wenn ich gegen George aussagen muss, ebenso diszipliniert vorzugehen. Ich bin froh, dass Wagner nun unser Chef ist und hoffentlich wird er der erste Vorgesetzte der Sicherheit sein (neben Yxen selbstverständlich), der uns nicht verrät oder auf mich schießt. Ich war bereits vor dem Wetttrinken mit T’Aloviks sturzbetrunken, ansonsten hätte ich bestimmt nicht sang- und klanglos gegen ihn verloren, jawohl! Bestimmt lag das an dem Zeug, das mir Forrester gegeben hat, als ich auf diesen schmierigen Cardassianer aufpassen musste, aber anders hätte ich den Anblick eines freien Schussfeldes auf einen Löffelkopf nicht ertragen. Tohkinen tat mir leid, weil er sich nicht so betrinken konnte wie ich, aber er ertrug die Süffisanz seines persönlichen Schwerenöters mit beachtlicher Ruhe auch ohne Alkohol.

Am nächsten Tag eroberten wir Cardassia im Handumdrehen, da sich das Dominion aus uns immer noch unerfindlichen Gründen ergab. Im Endeffekt sind mir die Gründe der Aufgabe des Dominions auch egal, denn die Hauptsache ist ja, dass der Krieg endlich vorbei ist. Denn jetzt endlich kann ich richtig versuchen, Julianne zu helfen. Mir steht nichts mehr im Weg. Kein Krieg, keine wichtige Aufgabe, die es an Bord zu erfüllen gilt, keine Befehle, nichts. Jahrelang habe ich daran gearbeitet, Stück für Stück diese Mauern einzureißen und endlich die Wahrheit dahinter zu sehen, trotz all des Krieges und aller Widrigkeiten. Und jetzt kann ich endlich ungehindert weitermachen, schließlich ist der Captain wieder da und der Rest der Crew lebt noch. Für mich gibt es nur noch das eine Ziel: Endgültig den Schleier zu lüften, der auf diesen Intrigen liegt, die Crew vor weiteren Angriffen durch die Verräter zu schützen, Julianne wieder zu ihrer Freiheit zu verhelfen und dann...

Ja, was: dann? Was für eine Zukunft habe ich danach? Gibt es überhaupt ein danach? Was macht man eigentlich, wenn man ein so lang ersehntes Ziel erreicht? Wir werden sehen... Dawson, Ende

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