Sternzeit.... ach egal. Wo ist das Papier? Computer? Klappe
Wen interessiert schon die Zeit, oder? Obwohl, ich weiß genau, wie viele Tage seit Linas Tod vergangen. Aber ansonsten ist Zeit ohne Bedeutung. Jetzt habe ich also meinen Job angetreten und ich muss doch sagen, dass er einiges von der Ehrfurcht verloren hat, den Lina ihm verliehen hat. Aber ich will nicht motzen, ich werde mich zusammenreißen. Wie auch immer, ich bin mal wieder in Gesellschaft. Damit meine ich Leute mit Vorurteilen. Wie an allen Orten, wo ich hingelange. Vielleicht hätte ich mir doch mit Dahlias Teigrolle über die Stirn fahren sollen, bis sie glatt ist. Na ja, nicht zu ändern. Der Einfachheit halber überspringe ich mal den Teil mit den Fragen zu meiner Herkunft und den spöttischen Bemerkungen über mein Temperament. Wir haben Brückensimulationen gemacht. Superspannend. Vor allem da der Computer irgendwie einen kleinen Tick hatte und nie das simuliert hat, was er simulieren sollte. Ich hatte ein paar Kumpels an der Akademie, die haben ähnlich simuliert. Vor allem vor Prüfungen.
Abends hatte ich dann Gelegenheit, ein paar meiner neuen Kollegen näher kennen zu lernen. Ian Masterson ist der Schiffsseelenklempner, auch wenn er es hasst, wenn man ihn als solchen bezeichnet. Obwohl er ein netter Kerl zu sein scheint, bin ich doch der Meinung, dass er für den Counselor eine reine Fehlbesetzung darstellt. Pokern kann er allerdings. Er scheint eine Spielernatur zu sein. Dadurch wird er direkt sympathisch in diesem Geflecht von Vorschriften und Vorgesetzten. Wer fiel mir an diesem ersten Abend noch auf? Dawson! Jaqueline Dawson ist jemand mit dem man wohl Pferde stehlen kann... wenn es an Bord eines Raumschiffes Pferde gäbe. Sie sagt geradeheraus ihre Meinung und hat keine Angst vor Vorgesetzten. Ich denke wir werden Freunde werden. Wie auch immer, nachdem Ian Masterson die letzte Wette verloren hatte, in der es darum ging, mein Bett zu machen, konnte ich mich beruhigt schlafen legen. Mein Zimmer teilte ich mir während des Trainings mit Jaq Dawson, Jaris Lhasa und Julie Conway, wobei letztere Mediziner waren. Julie hat ein fröhliches Gemüt und auch Jaris Lhasa scheint ganz nett zu sein, obwohl sie einen sehr angespannten Eindruck macht.
Nächster Morgen. Der Tag begann sehr entspannt. Ich durchwühlte mein Bett noch mal absichtlich, damit sich Mastersons Einsatz auch wirklich lohnte. Dann ging ich frühstücken. Nach einem richtigen Frühstück ging es wieder an die Arbeit. Zwei Gruppen, Außenteam und Brücke. Als CONN Offizier musste ich natürlich auf die Brücke. Einige von meinen Kollegen dort... Naja, typische Offiziere, Regelreiter. John Stark zum Beispiel. Was für ein Lackaffe. Der war mir am Abend vorher schon mit seinem geschwollenem Geschwafel aufgefallen. Und natürlich ein Kommandooffizier. Natürlich war ich überglücklich, als wir noch einmal unterteilt wurden und mein Training unter dem Kommando von McCullum stattfand, der wiederum sehr symphatisch war. Außerdem waren in meinem Team noch Lloyd, der mir sehr blaß und nervös erschien, was sich im Laufe des Tages noch steigern sollte. Silok war ein typischer Vulkanier. Stocksteif wie ein Brett. Wo ich gerade bei meinem persönlichen Urteil von Kollegen bin, da gibt es einen, der treibt jeden zur Weißglut. O`Kenner. So ein Schwätzer. Aber wenn John Stark ein Schwätzer für die Oberschicht des Schiffes war, dann ist O'Kenner ein Schwätzer für's Volk. Vielleicht bin ich anderen gegenüber zu kritisch, aber das liegt wohl daran, dass die meisten anderen auch immer kritisch mir gegenüber waren. Nun kommen wir mal zu meinen wirklichen Vorgesetzten. Lieutenant Commander Stafford ist ein Riese. Er wirkt mehr wie ein Bodyguard von Commander O'Reardon, denn als weiterer Offizier. Stafford scheint bei der Crew recht beliebt zu sein, im Gegensatz zu O'Reardon. Auf mich selbst macht der 1. Offizier zwar nicht unbedingt einen sympathischen Eindruck wie Stafford, aber einen sehr fähigen. Na ja, richtig kennen lernen werde ich alle sowieso erst innerhalb der nächsten Monate. Der erste Eindruck täuscht ja oft. Nachdem das Training beendet war, setzte eine andere Art der Tortur ein. Masterson plante eine Wilhelm Tell Aufführung und irgendwie hatte er es geschafft, mich zu überreden, daran teilzunehmen. Meiner Meinung nach war es eher ein schwaches Theaterstück, aber Masterson war der Meinung es würde helfen mein Temperament zu zügeln. Ich werde diese Idee jetzt nicht direkt verurteilen.
Überspringen wir die uninteressanten Teile und kommen zum Thema: Wir proben, alle Offiziere die das Holodeck beeinflussen können verlassen aus Dummheit oder Unüberlegtheit das Holodeck und ein Gestapo-Offizier platzt in unsere Proben. Ja. Richtig gelesen. Gestapo-Offizier. Ein Soldat des Dritten Reiches in einer Raumschiffsimulation des 24. Jahrhunderts. Mit ein paar mittelalterlichen Recken im Schlepptau. Wir verbarrikadieren uns in einem Haus was auf einmal außerhalb unseres Probenraumes auftaucht. Das heißt alle anderen rennen rein, Dawson, Masterson und ich versuchen zu verhandeln. Die netten Herren fragen ob wir zu den Rebellen hören oder auch den König "King George" verehren. Wir können den netten Gestapo-Offizier nicht wirklich davon überzeugen, dass wir nur neutrale Beobachter sind und er eine Holodeckfigur. Ich versuche Dawson zurückzuhalten und selber die Initiative zu ergreifen, aber sie hat das gleiche verfluchte Temperament wie ich. Sie versuchte sogar mit dem Schwert im Bein alleine zu laufen. Nachdem wir alle im Haus waren und die Schergen von King George versuchen die Tür einzutreten, fliehen wir durchs Fenster in den Wald. Dort treffen wir eine Elfe. Ja genau. Märchenwesen mit spitzen Ohren. Die nette Lady hält uns für die prophezeite Gruppe, die den Rebellen zur Hilfe eilen und den guten König und die Prinzessin retten und den Bösen entmachten werden. Hurra. Dafür bin ich Sternenflottenoffizier geworden. Auf einem Holodeck, auf dem die Wetterkontrollen auf Regen und Sturm eingestellt sind, durch einen dunklen Wald hinter einer Elfe herlaufen. Nach scheinbar unendlichem Herumwandern landen wir in einer Höhle, die sehr rustikal eingerichtet ist, wo der "geheime Widerstand" sein Quartier bezogen hat. Ich habe noch niemals ein derart uriges Völkchen gesehen und möchte wissen, welcher Programmierung sie entstammen.
Ein paar sympathische Fantasy-Gestalten laden mich zum Kartenspielen ein. Mit CDs. Ich kapiere die Regeln dieses Spiels zwar nicht und bezweifle, dass es welche hat. Aber es macht Spaß. Vor allem da ich mehrmals gewinne und Bonbons erhalte, die von den Rebellen des Widerstandes als Pillen bezeichnet werden und von denen ich schnell feststelle dass sie eine eindeutig halluzinogene Wirkung haben. Ab diesem Zeitpunkt sehe ich das Geschehen aus einem anderen, weniger mürrischen Blickwinkel. Dieses absolut unsinnige Holodeckprogramm macht Spaß. Nicht nur wegen der Pillen. Deren Wirkung durfte ich sowieso nicht auskosten, da Spielverderber Stark, sobald er deren Wirkung bemerkt, Jaris anweist, alle die sie geschluckt haben zu heilen. Schade. Dennoch wurde meine gute Laune nicht zerstört. Unter Führung des Docs - ein vollkommen Wahnsinniger - und der netten Elfe begeben wir uns zu einem Zwerg, der wie ein Ferengi aussieht und einen Geheimgang zum Turm, in dem die Prinzessin gefangen gehalten wird, bewacht. Ach ja, ein Crewmitglied namens Mulligan wird vom Doc zum "Auserwählten" bzw. "Abgesandten" erklärt und mit der Aufgabe betraut, später die Prinzessin zu heiraten. Unser Austausch des Vulkaniers Silok als Mann für die nette Elfe wird ebenfalls mit Begeisterung aufgenommen. Allerdings weniger von Silok. Das Detail, dass er ein Vulkanier und kein Elf ist, verschweigen Dawson - wer sonst? - und ich natürlich, um die geplante Verlobung nicht zu gefährden.
Zurück zum Ferengi. Erst möchte er eine Frau als "Nutzungsgebühr" für den Geheimgang, dann lässt er sich auf ein Ding namens "Das Auge" herabhandeln. Dieses wird wohl bei den Amazonen aufbewahrt - die übrigens an ihrer geriffelten Nase erkannt werden. Eine mutige Gruppe Frauen macht sich also auf den Weg zu den Amazonen: Jaris, Conway, Dawson und ich. Zu allem bereit und teilweise sogar in hoffnungsvoller Erwartung einer zünftigen Prügelei (wie könnte es anders sein: Dawson und ich) erreichen wir das Amazonenlager. Und tatsächlich werden wir zum Kampf gefordert. Die Freude weicht allerdings aus Dawsons Gesicht als sie hört, dass der Kampf um das Auge keine Prügelei ist, sondern es darum geht, ein Bonbon in eine entfernte Metallschüssel zu schmeißen - welch ehrenvolle Aufgabe. Von acht Frauen trifft nur eine: ich. Und damit erringen wir das Auge und den Einlass zum Geheimgang. Dachten wir. Denn in der Zwischenzeit hat der ferengi noch eine Zusatzklausel ausgearbeitet: Eine Frau soll ihm das Ohr kraulen. Gerade als ich mich freiwillig melden will, da ich keine Lust hatte die ganze Nacht vor einer Tür zu verbringen, meldet sich Jaris. Eine tapfere Frau.
Ich würde mich jederzeit lieber in einen Kampf stürzen, anstatt einem Ferengi das Ohr zu kraulen. Vielleicht hätte ich ihn direkt zu Anfang verprügeln sollen. Andererseits hätte er uns dann nicht in den Turm gebeamt. Ja, der Geheimgang entpuppte sich als ein Transportervorgang. Dawson, Spielverderber Stark und ich bilden die Vorhut. Zwei von uns, weil sie sich prügeln wollen, einer weil er sich wichtig machen will... oder tue ich ihm unrecht? Egal, tatsächlich wartete eine zünftige Prügelei mit Rittern auf uns, in der ich und Dawson uns sehr gut geschlagen haben. Ich zog mir eine winzige Verletzung zu, aber unsere beiden Ärztinnen bestanden darauf, mich zu heilen. Es wäre nicht nötig gewesen. Aufgrund dieser Heilung bekomme ich die Befreiung der Prinzessin nicht mehr ganz mit. Schade. Sie sieht wohl aus wie ein Crewmitglied der Exeter. Sehr süß. Als wir zurückkehren, werden wir von der Gestapo empfangen, schlagen eine fulminante Endschlacht und gewinnen schließlich. Die Guten gewinnen immer. Ich denke jedenfalls, dass wir die Guten sind. Man kann das nie mit Sicherheit sagen.
Beeindruckend ist auch das Hochzeitsmahl, denn es gibt ja die Hochzeit des Abgesandten Mulligan und der Prinzessin zu feiern. Gerade als wir über ein herrlich ausgedehntes Mahl zum Nachtisch gelangen wird das Programm angehalten und unsere Vorgesetzten erscheinen etwas verspätet auf der Party, um uns anzuschreien. Als hätten wir es uns ausgesucht unter Lebensgefahr in einem vollkommen verrückten Holodeckprogramm zu stecken! Okay, mir hat es Spaß gemacht, aber das müssen unsere Chefs ja nicht wissen. Nach diesem beinahe epischen Erlebnis sind die Schuldzuweisungen eher ernüchternd. Und auch unverständlich da ich nicht denke, dass das Deck ohne Mastersons Theaterprobe normal geblieben wäre. Warum weisen sie ihm die Schuld zu? Wäre ich länger hier, würde ich vielleicht für ihn eintreten. Aber ich will es nicht vermasseln. Schließlich will ich Linas Traum erfüllen, nicht wahr? Warum bin ich denn sonst hier?
Am nächsten Tag wird die Brückenbesatzung gezwungen, einen Test zu schreiben. Die meisten sind furchtbar nervös, besonders Lloyd sieht aus als wäre er mit seinem Lernpadd zusammengewachsen. Er hat wohl in der Vergangenheit mal Mist gebaut und hat seither Angst vor Fehlern. Das erzählte jedenfalls die Gerüchteküche. Wäre ich nach jedem gebauten Mist nervös geworden, wäre ich heute ein zitterndes Wrack. Jedenfalls habe ich diesem Test sehr gelassen entgegen gesehen. Ich habe den Ausführungen des 1. Offiziers während des Trainings nicht zugehört. Ich habe seit der Akademie in kein Lehrpadd mehr geschaut. Ich habe für den Test kein bisschen gelernt. Ein Wunder, dass ich nicht durchgefallen bin. Etwas muss ich über diese ersten Tage an Bord noch sagen. Dawson will mir helfen mein Temperament unter Kontrolle zu halten. Als Angehörige des Sicherheitsdienstes will sie niemals gezwungen sein, mich arrestieren zu müssen. Also versprach ich ihr, jedes Mal, wenn meine Wut zu stark wird, nicht irgendjemanden zu schlagen, sondern sie. Eine wirkungsvollere Methode, eine zur Aggressivität neigende Halbklingonin zu therapieren, als Masterson sie hatte. Ich bin Dawson sehr dankbar und denke, dass ich mich dank ihr bald sehr viel besser unter Kontrolle haben werde. Nun Lina, ich werde das Geschriebene verbrennen und irgendwie ins All befördern, denn ich weiß, dass deine Seele dort draußen ist und mich bewacht, vielleicht weißt du schon, was passiert ist. Oder auch nicht. Aber eines sollst du auf jeden Fall wissen: Ich vermisse dich, meine Prinzessin.