Liebe Jennifer,
da hatte ich Dir im letzten Brief versprochen, in Zukunft regelmäßiger zu schreiben und dann lasse ich doch wieder Monate ins Land gehen. Nun ja, dann wird der Brief halt umso ausführlicher. Mittlerweile habe ich mich auf dem Schiff eingelebt und es scheint so, dass die Besatzung sich mit mir als Assistenzcounselor abgefunden hat. Und den einen oder anderen Freund scheine ich auch schon gewonnen zu haben. Aber ich sollte versuchen, die vergangenen Ereignisse halbwegs chronologisch zu berichten.
Nach der feierlichen Übergabe des neuen Schiffes, während der ich ja meinen Dienst an Bord der Exeter angetreten habe und bei der ich mich, wie ich Dir schon geschrieben habe, gleich unvergleichlich bei der Crew bekannt gemacht habe. (Wie ich mittlerweile erfahren habe, wird seit dem an Bord des Schiffes die Entfernung zwischen zwei Fettnäpfchen in einem Masterson gemessen.) Seit dem vergingen die Tage relativ zügig. Ich hatte ziemlich viel damit zu tun 1. das Schiff kennenzulernen, 2. mich in meine Abteilung einzuarbeiten und 3. mich nach Dienst auf meine Offiziersprüfung vorzubereiten. Eine große Hilfe war mir dabei Counselor Caylan. Zwar drückte sie mir erst mal freundlich lächelnd mehrere Datenpadds in die Hand, mit denen ich die nächsten Tage zu tun hatte, aber immer wenn ich bei meinen Vorbereitungen zur Prüfung meinte ich würde feststecken, half sie mir dabei einen Lösungsweg zu finden. Aber nicht dadurch, indem sie mir die richtige Lösung verriet, sondern indem sie dafür sorgte, dass ich das Problem nochmals aus der Distanz betrachtete und somit selber in der Lage war einen Lösungsansatz zu finden. Diese Vorgehensweise von ihr war aber erst der Anfang von ihrer unauffälligen und sanften Lehrmethode, welche - so wie es scheint - so langsam Früchte zu tragen scheint. Aber darauf werde ich noch im Laufe des Briefes genauer eingehen.
Ich will nun zu dem ersten interessanten Ereignis seit der Einweihungsfeier kommen. Ein Mitglied der medizinischen Abteilung, Adrian Kaleb, war so freundlich, mich zu seiner Geburtstagsfeier einzuladen, welche auf dem Holodeck stattfand. Er hatte eine Simulation der Erde ausgewählt. Wobei ich vermute, dass es sich um ein Gebiet irgendwo in Deutschland handelte. Nun ja, ich begab mich also dort hin und brachte noch einen Bekannten von der Akademie mit, Michael Vaughn, der mich kurzfristig auf der Exeter besucht hatte, damit er dort seine Bewerbung für einen Posten an Bord des Schiffes persönlich beim Captain abgeben konnte. Und so wie ich es mitbekam, hatte er auch keine Probleme damit, gleich die ersten Kontakte innerhalb der Mannschaft zu knüpfen. Tja, bei mir brachte der Abend einige überraschende Gespräche mit sich, von denen ich im nachhinein einiges lernen konnte. Zuerst hatte ich eine interessante Unterhaltung mit Ensign Jaris, sie ist Bajoranerin und eine wirklich charmante und begabte angehende Ärztin. Ich unterhielt mich mit ihr darüber, wie ich es für die Zukunft vermeiden kann, mich durch unbedarfte und unbeabsichtigte Bemerkungen bei anderen Angehörigen ihres Volkes unbeliebt zu machen (Lagerfeuerromantik, usw.). Sie gab mir einige wertvolle Tipps und bislang scheint es irgendwie zu funktionieren. Yxen von der Sicherheit scheint nicht mehr das Bedürfnis zu haben, mich bei jeder möglichen Gelegenheit ... zu müssen. Und ich bin nur noch einmal mit Cmdr. Terron aneinander geraten, aber das lag eher an den Begleitumständen als an mir. Tja, danach hatte ich meine erste längere Unterhaltung mit dem Counselor und sie hat in kürzester Zeit einiges über mich herausgefunden und nur dadurch dass sie mich beobachtet hat. Auf jeden Fall hat sie mir einige Denkanstöße gegeben, welche vielleicht dazu führen werden, dass ich die Wut in mir so langsam abbauen werde. Obwohl ich versuchte, ihr begreiflich zu machen, dass diese Wut eine wichtige Antriebskraft in mir ist, und ich eigentlich der Meinung war, dass ich sie schon tief in mir vergraben und somit ein wenig hinter mir gelassen hätte. Aber dem scheint wohl nicht so. Auf jeden Fall hat sie in kürzester Zeit herausgefunden, dass ich nicht ganz aus eigenen Beweggründen bei der Sternenflotte bin. Und nach diesem langen Gespräch war ich doch mal wieder gezwungen, mich mit der Sache mit Mum und Dad auseinander zu setzen. Und gemeinsam fanden wir heraus, dass ich eher auf mich selber zornig bin als auf das, was damals geschehen ist. Und so, wie sie meinte, ein eher schädliches Schuldbewusstsein gegenüber unseren Eltern habe. Nun ja, wie ich schon sagte, danach hatte ich wieder einiges über das ich grübeln konnte. Und im Nachhinein betrachtet, war das wohl auch ihre Erste Lektion darin, wie man einen guten ersten Eindruck bei denen hinterlässt, denen man eigentlich helfen möchte und ich muss noch sehr an mir arbeiten, um auch nur annähernd so gut werden zu können wie sie.
Kurze Zeit danach kam aber der Kracher an interessanten Gesprächen und wenn ich ehrlich bin, dann war es auch das Gespräch aus dem ich am meisten gelernt habe. Dawson kam auf mich zu (ich hatte Dir ja schon im ersten Brief von ihr berichtet) und wollte mich unter vier Augen sprechen. Ich machte mich innerlich schon wieder auf einen ihrer Scherze gefasst und dann fing sie damit an mir klipp und klar zu sagen, was ich in ihren Augen in der letzten Zeit alles verkehrt gemacht habe. Wenn es nicht Dawson wäre würde ich sagen, dass sie sich ernsthafte Sorgen um meinen Ruf an Bord des Schiffes machte. Nein Jenni, damit werde ich ihr nicht gerecht. Ich muss ehrlich zu mir sein und sagen, dass ich sie komplett verkannt habe und vielleicht kann ich es eines Tages schaffen ihr Vertrauen zu gewinnen. Auf jeden Fall habe ich an diesem Abend mehr gelernt als durch das Selbststudium die Wochen zuvor.
Danach dauerte es noch einige Wochen und dann kam es gleich knüppeldicke auf uns herab. Dabei fing alles relativ harmlos an. Wir sollten einige Trümmerreste innerhalb der cardassianischen Grenze kontrollieren. Okay, das barg zwar schon ein gewisses Gefahrenpotenzial, aber dass es dann so arg kam wie es letztendlich war, hat sich von uns vorher bestimmt keiner ausmalen können. Aber ich weiss nicht, ob ich Dir zur Zeit davon erzählen darf. Also berichte ich Dir nur davon, was das Ganze letztendlich für mich gebracht hat. Ich habe einen Wirkungsbereich gefunden, bei der ich der Mannschaft wirklich helfen kann. Sowie ich wohl ich in nächster Zeit lieber zweimal nachfragen werde, bevor ich jemanden mit Medikamenten vollpumpe. Gerade dann, wenn ich in einer Stresssituation bin. (Ich hätte beinahe Dawson umgebracht und ich könnte mich jetzt noch ohrfeigen, dass ich so unachtsam war. Ich sollte mich mal mit ihr darüber unterhalten, damit ich ihr sagen kann, wie leid es mir immer noch tut.) Außerdem habe ich meine Beförderung zum Ensign erhalten. Zwar nur zwischen Tür und Angel, also ohne das übliche Zeremoniell, aber hey wir befanden uns gerade innerhalb des feindlichen Hoheitsgebietes und die Kommandooffiziere sowie auch ich hatten wirklich Besseres zu tun, als uns auch darum zu kümmern. ("Exeter an Keldongeschwader, könnten Sie bitte solange mit unserer Vernichtung warten, bis wir unseren Kadetten feierlich befördert haben?!") Tja und das Bedeutsamste während dieses Einsatzes war für mich, dass ich endlich als Counselor arbeiten durfte. Ein Besatzungsmitglied kam zu mir und wollte ausdrücklich von mir beraten werden. Leider konnte ich nicht das beim Captain für ihn erreichen, was ich für notwendig erachtet habe, aber der Drops ist noch nicht gelutscht und ich bin nicht bereit, das für ihn Erreichte einfach so zu akzeptieren, solange ich seine Wünsche nicht annähernd erfüllt habe. Und letztendlich muss ich sagen, dass es noch eine Überraschung für mich gab. Mein Verhältnis zu Yxen hat sich spürbar gebessert. (Das ist der Bajoraner dessen Unmut ich auf mich gelenkt hatte, nachdem ich einige unüberlegte Bemerkungen in seinem Beisein von mir gegeben hatte.) Ach und was ich vergaß zu erwähnen: wäre nicht Jaris gewesen, dann wären ich und einige andere Besatzungsmitglieder an einem biologischem Kampfmittel der Cardassianer gestorben.
Zwei Wochen später wurden wir dann nach Bajor und DS9 abkommandiert, um unsere Wunden zu lecken und damit die Crew auf Bajor ein „Betreuungsgespräch für Sternenflottenangehörige, die an Kampfeinsätzen teilgenommen haben“ über sich ergehen lassen konnte. Es fing alles sehr geruhsam an. Wir kamen auf Bajor während des Hochsommers an und Gott sei Dank oder eher gesagt den Propheten sei Dank wurde Anzugserleichterung befohlen. Irgendwie kamen einige der Besatzung in den Besitz von altertümlichen Wasserpistolen und Yxen sowie einige andere Besatzungsmitglieder nutzten die Gelegenheit gleich, mir eine Lehrstunde in Nahkampftaktik zu geben. Aber ich glaube ich habe meine Haut gut verkauft. Ich selbst wurde von den Personalgesprächen, welche Cmdr. O'Reardon anberaumte (Er lässt auch keine Gelegenheit aus, um die Besatzung zu quälen *grins*), sowie auch von der Stationsleiterin, welche die Betreuungsgespräche durchführte erst mal übersehen. Und das war mir ehrlich gesagt auch ganz recht so. Denn während dieser Tage jährte mal wieder der Todestag unserer Eltern. Und ja ich sollte es nicht tun (gerade als Counselor), aber meistens denke ich innerhalb dieses Zeitraumes intensiv an die beiden und ziehe mich dabei vielleicht zu sehr in mich selbst zurück. Aber diesmal kam ich gar nicht wirklich dazu, denn mitten in meiner Eigenbrödelei tauchte Counselor Caylan auf und sie wusste sofort wieder, dass mit mir etwas im Argen war. Manchmal macht sie mir richtig Angst mit ihren Ahnungen. Und sie hat es unheimlich gut drauf, genau die Sachen aus einem herauszukitzeln, die man eigentlich für sich behalten möchte. Und alles nur, indem sie einen anschaut und sie hat ein paar Blicke drauf, meine Güte. Wenn ich das nur ansatzweise beherrschen würde, na ja mal schauen was die Zeit noch mit sich bringen wird. Mir graut heute schon vor dem Tag, an dem sie das Schiff für immer verlässt. Nun ja, aber das ganze wurde letztendlich dadurch unterbrochen, indem so wie ich es nachträglich hoffentlich richtig ermittelt habe zwischen Ensign Jaris und einer bajoranischen Hohepriesterin (Ich glaube man nennt sie "Vedek") ein sogenannter Drehkörper erschien. Und dann ging der Spuk los. Irgendwie beeinflusste der Drehkörper zwei Vulkanier aus unserer Crew und beide hatten danach massive Probleme ihre Gefühle im Griff zu behalten. Und Jenni ich möchte nie wieder einen Vulkanier erleben müssen, der zu Gefühlsausbrüchen neigt. Auf jeden Fall hatten Caylan und ich den ganzen Abend damit zu tun, dass sich beide annähernd unter Kontrolle behielten. Zwischendurch suchten uns immer wieder Besatzungsmitglieder auf, die von der Stationsleiterin mit ihren Behandlungsmethoden verschreckt worden waren. Zuerst war diese Counselor mir ja nur unheimlich, aber zum Schluss muss ich sagen, dass ich durchaus verstehen konnte warum Caylan es hasst, wenn ein anderer ihre Crew betreut. Zu viele Köche verderben halt den Brei. Aber etwas Erfreuliches hatten diese Tage doch für sich. Nach der Wasserpistolenaktion so wie noch einigen anderen Begebenheiten kam Yxen zu mir und teilte mir mit, dass er mittlerweile eine komplett andere Meinung von mir hätte und dass ich ihn sehr überrascht habe. Ich scheine mich wohl in der kurzen Zeit doch schon sehr zum Positiven geändert zu haben. Und wie ich zu Anfang schon sagte, die Lehrmethoden meiner Vorgesetzten scheinen so langsam Früchte zu tragen. Auf jeden Fall sind Yxen und ich mittlerweile beim Du angekommen.
So Jennifer, dass war soweit erst mal alles von mir. Ich versuche mich sobald wie möglich wieder bei Dir zu melden.
Ian