Storyline

Besuch auf Bajor

Persönliches Computerlogbuch Jaqueline Dawson

Computer? Tja, da sitze ich nun mal wieder. Arrestiert in meinem eigenen Quartier, na, wenigstens das. Obwohl ich mir sicher bin, dass das Kell und Helris nicht sonderlich begeistern wird, schließlich ist das auch ihr Quartier. Was soll's – ich bin es gewöhnt und zudem ist der Raum gemütlicher als die Arrestzelle.

Wie es dazu gekommen ist? Ich würde sagen, eine Verkettung unglücklicher Zufälle, nein, eine Verkettung unglücklicher Umstände, die sich mir in einer Reihe unglücklicher Momente offenbart haben. Meine Güte, klingt das prosaisch, aber ganz ehrlich: es läuft alles übler, als ich es vermutet hatte. Zunächst habe ich mich ja sehr gefreut, weil Julianne wieder da ist und wir sogar sechs Wochen Zeit haben sollten, uns wieder kennen zu lernen und einfach zu unterhalten. Sie ist – sie ist so ganz anders als George. Offen, ein wenig rau, humorvoll und voller Temperament. Zudem hat sie eine innerliche Stärke, die man fast greifen kann und ich bewundere sie dafür. An George habe ich nie soviel gefunden, was als Vorbild hätte dienen können, höchstens die Fähigkeit, jede Situation mit Eiseskälte und Rationalität zu meistern, was ich allerdings nur äußerst ungern tue. Ich mag ehrliche Wutausbrüche und die von meiner Mutter erst recht. Sie wirft, genau wie ich manchmal, dann mit Gegenständen um sich. Erstaunlich, was sich alles vererben kann. Obwohl - ich habe es auch schon häufiger geschafft, bei George Wutausbrüche zu provozieren, schließlich kenne ich ihn schon lange genug, um zu wissen, was ihn zur Weißglut treibt.

Als die anderen ins Babylon-Camp gingen, um diese Psycho-Untersuchung auf Bajor durchzustehen, hatte ich bereits Urlaub eingereicht und verbrachte mit Julianne einige angenehme Stunden im Quarks, bis am Abend ihr Dienst begann. Eine Weile habe ich dann in meinem Quartier gesessen und bezüglich Lhasas Vater Nachforschungen angestellt – schließlich waren wir hier auf Bajor und es würde keine bessere Situation mehr geben, um etwas über ihn herauszufinden. Dass sich Lhasa nicht mehr daran erinnert, wann sie mir von ihrem verschollenen Vater erzählt hat, kann ich mir gut vorstellen! Sie war zum einen angetrunken und zum anderen war es schon reichlich spät bei der Feier, wo sie damit rausgerückt ist. Ich glaube, es geschah im Zusammenhang mit den vielen Verschollenen des Krieges und auch im Bezug auf meine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt ja ebenfalls noch als vermisst galt, obwohl das nie in den Akten aufgetaucht war. Bestimmt Georges Verdienst.

Woher allerdings Lhasa diese Akte des bajoranischen Schwerverbrechers her hatte, war mir ein Rätsel, ein noch größeres Rätsel war mir allerdings, warum sie mir diese brisante Akte über das offizielle Terminal von Commander Wingers, der das Babylon-Camp gehört, geschickt hat. Das roch nach Ärger, aber wohl eher für Lhasa als für mich. Egal, ich setzte mich an die Arbeit und suchte, grübelte und fragte mich durch die Informationenflut. Endlich gelangte ich zu der Kontaktperson, zu der ich wollte: zu Doleris Mhalna, die mit mir damals Kultur außerirdischer Völker studiert hatte. Doleris' zweites Fach an der Uni war Psychologie gewesen, in welchem sie an einer Promotion über eine Thema schrieb, das irgendwas mit der Psyche von Volksverrätern zu tun hatte, aus welchen Gründen halt Personen ihre eigenen Leute ans Messer liefern. Sie hatte damals schon viele Fakten und Daten zusammen getragen, die von verschiedensten Planeten dieses Universums stammten und sich hauptsächlich auf Lebensdaten und Verbrechen speziell von Kollaborateuren Bajors bezogen, anhand derer sie psychologische Profile erstellte. Doleris glaubte, durch die Ergebnisse ihrer Forschungen in diesem Gebiet die Anzahl der Verräter senken zu können, aber Doleris war schon immer ein wenig komisch. Nach der Befreiung Bajors wandelte sie das Ganze, glaube ich, in eine Art Vergangenheitsbewältigung um, vielleicht auch, um Volksverräter in anderen Kriegen reduzieren zu können. Ob sie mit ihrer Arbeit je fertig geworden war oder jemals was erreicht hatte, war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, noch, wo sie sich aufhielt. Seit ich ihr damals bei der Schlägerei im Pariser Clochard ausgeholfen hatte, besser gesagt verhindert hatte, dass sie ernsthaften Schaden nahm (was regt sich eine so schmächtige Bajoranerin wie Doleris auch über den alten Matschnasen-Witz auf?), schuldete sie mir noch etwas, das hat sie selbst gesagt.

Doleris ausfindig zu machen hat eine ganze Weile gedauert, allerdings konnte sie mir dann erweiterte Daten über diesen Rahrkis zukommen lassen. Ich glaube, ich gehe sie in den nächsten Tagen besuchen, obwohl sie eher eine Art hat, die Lloyd gut gefallen würde. Ohne Padd und Computer ist Doleris auch nicht überlebensfähig. Lhasa war über die Informationen ziemlich geschockt, die ich ihr zukommen ließ, vermutlich, und ich hätte ihr gerne gesagt, wie leid mir die Verschleppung ihres Vaters tut und ob ich ihr irgendwie außer mit Informationen weiter helfen kann, aber ich konnte nicht. Auch etwas, was ich von George geerbt habe. Ich hasse es, über so sentimentales Zeug zu reden und bin auch nicht fähig, anderen in diesem Bezug zu helfen oder sie anzusprechen. Aber vielleicht hat Lhasa mein Mitgefühl trotzdem bemerkt, auch wenn ich nicht glaube, dass es das ist, was sie in diesem Moment gebraucht hat. Egal, Computer, lassen wir das. Oder wie drückt es Larissa neuerdings aus? "Uns geht's gut". Nachdem ich bei meinen weiteren Nachforschungen auf Leerlauf stieß, da ich noch auf Meldungen einiger Bekannte wartete, beschloss ich spontan, die anderen auf Bajor zu besuchen, schließlich würden sie ohne mich eh keine schwungvolle Party in Gang bringen können und das wäre doch bedauerlich gewesen! So ein schöner Planet, alle beisammen und keine Feier? Das musste verhindert werden.

Was soll ich sagen, Computer? Die Party wurde wirklich spitze! Woher auch immer der Alkohol kam – ich hätte denjenigen umarmen können, der ihn auf die kleine Feier, draußen im nächtlichen Garten des Babylon-Camps geschmuggelt hat. Tohkinen entpuppte sich als angenehmer Gesprächspartner, wirklich, ich glaube, jetzt weiß ich, warum Larissa mit ihm befreundet ist. Seine Geschichten über seinen Heimatplaneten waren äußerst interessant. Warum hat ihn eigentlich nie jemand darauf angesprochen? Vielleicht schreckt er mit seinem seltsamen Aussehen ab. Mir tut es immer in der Seele weh, jemanden abseits von solchen Geselligkeiten zu sehen, weshalb ich ihn einfach zu uns gerufen habe, als er so allein unter den Bäumen stand. Bereut hat es, glaube ich, keiner. Er hat einiges an gutem Humor! Sogar Lloyd hat – oh Wunder – sein Padd zur Seite gelegt und mit uns richtig geredet und getrunken, so viel, dass ich zwischendurch einen Neutralisator von Lhasa besorgt habe, weil er anfing zu singen. Bei O'Reardon wäre das bestimmt schlecht angekommen und ich wollte ihm ein abruptes Ende seiner Karriere ersparen. Schön war es auf jeden Fall! Warum auch immer Lloyd plötzlich so gesellig geworden war (für seine Verhältnisse), kann ich nicht sagen, aber ich habe es einfach genossen, mit ihm über Gott und die Welt zu reden. Wir haben schließlich, vor allem die Sicherheit, dank lustiger Musik von Masterson getanzt, und selbst der sonst so auf Formalitäten bedachte Stafford und auch Terron haben sich nicht lumpen lassen und mitgemacht. Ich verstehe nicht, warum Stafford ausgerechnet mich immer so zurechtweist, was die Etikette angeht, wo er doch selbst soviel Spaß an Tanzen, Feiern und lockeren Umgangsformen hat? Was ist denn nur so schlimm daran, Freude zu haben? Oder sich wie Freunde zu unterhalten? Irgendwann an dem Abend maulte er mich – wohl auch nicht mehr nüchtern – unvermittelt an, ich müsse ihn Commander nennen und nicht Mister, denn soweit wären wir noch nicht. Ich war völlig perplex, wie er plötzlich darauf gekommen ist, wo doch die Feier gerade so schön war und selbst O'Reardon die Klappe hielt. Meine Antwort war, dass ich schon der Meinung war, eine gewisse Vertrautheit hergestellt zu haben, nachdem wir uns gemeinsam auf diesem verdammten Planeten Trelka von Cardassianern hatten zerschießen lassen und auch sonst nach den gemeinsamen Schlachten. Was muss ich den sonst noch machen und erleben, um ihn wie einen guten Freund – zumindest mit Mister – ansprechen zu dürfen? Zumindest auf einer Gartenparty? Daraufhin hat Stafford nichts mehr gesagt. Es ist schon seltsam, wie wechselhaft er manchmal ist. Mal ist er freundlich und kumpelhaft, vor allem, wenn er an die gemeinsam durchlebten Schlachten denkt und unseren Zusammenhalt in der Crew, dann wieder weist er speziell mich wegen solcher Lappalien zurecht und versucht damit Distanz zu schaffen. Ich verstehe es nicht, so wie ich die gekünstelte Distanz nie verstanden habe. Ich mag Stafford ganz gerne, fertig aus, und ich würde mich für ihn vierteilen lassen wie für den Rest der Crew. Er hat wirklich viel für mich getan, wie für uns alle, denke ich, und er ist ein feiner Kerl. Ach, was soll's, Computer, wenn er Spaß daran findet, mich ab und zu anzumeckern, dann soll er. Mir macht es eigentlich nichts aus. Vielleicht bedrückt ihn ja auch etwas, was ich dank meiner mangelnden Empathie nie herausfinden werde.

Irgendwann war ich reichlich betrunken und der Alkohol tat seine Wirkung. Langsam dämmerte ich, auf einer Mauer sitzend, ins Reich der Träume ab und schlitterte, wie anscheinend einige in dieser Nacht, in einen üblen Alptraum ab. Natürlich habe ich niemandem davon erzählt, auch Larissa nicht, was sollen die anderen denn sonst von mir halten? Das ich endgültig verrückt oder sentimental geworden bin? Es war wirklich übel, Computer, das kann ich dir sagen! Das erste, was ich sah, waren George und Julianne, wie sie sich in wirklicher Zuneigung umarmten und gegenseitig versicherten, wie froh sie doch wären, sich wieder gefunden zu haben - Computer, wenn irgendwer auf diese Daten zugreift, lösch’ sie sofort, ansonsten reiße ich dir sämtliche Schaltkreise raus, einzelnd!! Gut, weiter. Diese Szene war schmerzlich, umso mehr, als dass ich wusste, dass sie wohl nie Wahrheit werden würde. Dann sprachen sie über mich und darüber, dass sie mit mir nicht fertig würden und so weiter. Halt das, was ich am Rande von George mitbekommen hatte, wenn er sich denn mal mit mir unterhalten hatte. Seine Worte waren vertraut, dieses übliche "Oh, sie sprechen mich auf Sitzungen und Empfängen schon auf meine Tochter an, wie peinlich", aber das Julianne hier ähnlich dachte, traf tief. Die Szene endete damit, das sie – ach Computer, das geht dich nichts an. Blöde Vision. So eine Gefühlsduselei! Es wird eh nie wahr. Eine weitere Szene folgte, die schlimmste der insgesamt drei. George drohte, mich zu töten, wenn Julianne nicht nett zu ihm wäre, ihn umarmen und beteuern würde, wie sehr sie ihn vermisst hätte. Und sie tat das auch noch! Es war so widerwärtig, wie er mit diesem überlegenen Lächeln dastand, mit dieser kalten Grausamkeit und sie dazu zwang, ihn in die Arme zu nehmen. Ich wollte schreien, eingreifen, Julianne helfen, sie wegziehen von ihm, doch blieben meine Rufe stumm. Sie hat so gelitten in diesem Traum! Nein, so was täte George nicht. Bestimmt nicht, oder doch? Ich weiß es nicht – nicht mehr. Die dritte Traumsequenz war die unwahrscheinlichste, nämlich, dass diesmal Julianne meinen Vater auslachte und dazu zwang, sie zum Commodore zu befördern, damit sie ihn endlich in Ruhe ließe. Mein Vater ist kein schwacher Mensch und zu etwas zwingen lassen würde er sich nie. Vor allem nicht wegen mir.

Als ich wieder zu mir kam, saß ich immer noch auf der Mauer, die Party war fast vorüber und nur noch vereinzelt standen kleine Gruppierungen unter den Bäumen.Meine Güte, war ich wütend! Nur kurz habe ich geschaut, ob Larissa irgendwo ist, da sie bestimmt meine Wut bemerkt und mich eventuell aufgehalten hätte, bevor ich ins Haus gestürmt bin, um Julianne zu kontaktieren. Mir war nämlich der Zeitungsartikel in der Federation News wieder eingefallen, in dem Julianne angegeben hatte, sich darüber zu freuen, ihren Mann wieder zu sehen. Wie üblich hatte ich der Zeitung zunächst keinen Glauben geschenkt, denn Zeitungslügen bin ich spätestens seit meiner Verhaftung in Paris nur zur Genüge gewöhnt, doch jetzt zweifelte ich. Kann man mir das verübeln? Ich denke nicht, Computer, aber egal, weiter. Sonst komme ich hier im Arrest noch weiter in stumpfsinniges Grübeln.

Als ich meiner Mutter direkt die Frage vor den Kopf warf, warum sie vor der Presse behauptet hatte, sich zu freuen, wieder mit George vereint zu sein und warum sie befördert worden wäre, war ihr anfängliches Lächeln und ihre Heiterkeit wie weggewischt. Sie beschwor mich, dass ich nicht fragen solle, dass sie mir nichts erzählen könne und dass es nur zu meinem Besten sei, nichts über ihre Beweggründe zu wissen. Ihre Augen waren plötzlich extrem nervös und ängstlich, so, als ob noch jemand im Raum sei, den ich nicht sehen konnte, der aber sehr wohl ihr Verhalten und ihre Aussagen begutachtete. Dann fing sie an zu lügen: Warum sie denn nicht glücklich darüber sein sollte, George zu sehen? Ich solle ihnen beiden doch noch eine Chance geben und so was. Doch ihre Augen sprachen gegen alles, was sie sagte. Und dann entlehnte sie auch noch den von mir am meisten gehassten Satz aus dem Wortschatz meines Vaters: "Wir haben alle unsere Pflicht zu erfüllen." Da habe ich ihr gesagt, dass sie mich auch mal kann und habe die Verbindung abgebrochen. Ich glaube nicht, dass jemand nachvollziehen kann, was ihr Verhalten und mir ausgelöst hat. Warum? Warum tun sie das nur, um Himmels willen? Ich fühle mich so... so hilflos, so verwundbar. Und ich hatte mich so gefreut, dass sie wieder da ist!

Larissa und der Captain haben mich dann doch eingesammelt und mit mir über die Sache geredet. Manchmal frage ich mich, ob die beiden einen Pakt geschlossen haben, um mich immer wieder wie eine Nuss zu knacken und mein Inneres nach außen zu drehen. Ich habe mich selbst gehasst dafür, dass ich ihnen beiden von dem Gespräch mit Julianne erzählt habe, vor allem, weil ich weiß, dass meine Lappalien im Gegensatz zu Lhasas Sorgen oder den Verlusten der letzten Zeit im Krieg weniger als ein Staubkorn sind. Und trotzdem regt es mich so auf. Wo bleibt die Kälte und Rationalität, die ich von George geerbt habe? Wo ist sie, wenn ich sie brauche? Sie müssen mich beide für einen Schwächling halten und sich fragen, warum ich mir wegen so einem Unsinn in Zeiten wie diesen Gedanken mache. Wie peinlich!

Starkov gab mir den Rat, Julianne noch einmal aufzusuchen und mit ihr über die Sache zu reden. Ich vermute mal, er gab George mal wieder die Schuld für alles, aber ich war so wütend auf Julianne, dass mir selbst das egal war. Reichlich betrunken bin ich dann nach dem Tipp des Captains, kein Shuttle der Föderation zu benutzen, sondern ein fremdes, ins Orbit geeiert und letztendlich sogar auf der Exeter gelandet. Naja, ehrlich gesagt war das nicht mein Verdienst, dass ich nicht an der Außenwand der Exeter zerschellt bin, sondern der Aufmerksamkeit eines Menschen an der OPS, der geistesgegenwärtig den Autopiloten des Shuttles aktivierte und letztendlich mich in die Krankenstation beamte, wo man den Alkohol in meinem Blut neutralisierte. Die Beschwerde über diesen Vorfall landete wohl später beim Captain, der jedoch der Sache keine weitere Aufmerksamkeit schenkte, schließlich hat er mich in dem Zustand noch fliegen lassen, obwohl er wusste, dass ich meine Shuttle-Flugerlaubnis bereits auf der Erde wegen Trunkenheit am Steuer verloren hatte.

Einigermaßen nüchtern suchte ich meine Mutter auf. Zunächst saß sie sichtlich am Boden zerstört auf dem Sofa, beschwor mich, nicht weiter auf sie einzudringen und nicht mehr zu fragen, wer sie dazu angestiftet hatte, so einen Unsinn zu erzählen. Wir stritten uns eine ganze Weile, letztendlich auch darüber, dass es nicht nur um uns ging, sondern dass bereits die Exeter in die Angelegenheit um Trelka hineingezogen worden war. Das wäre ja noch schöner, wenn die Crew wegen unserer internen Familienzwistigkeiten gefährdet würde - und das war sie bereits. Die Angriffe der Cardassianer nach Jahren der Ruhe im Trelka-System waren bestimmt kein Zufall. Auch frage ich mich, was das seltsame Enterkommando der Cardassianer auf unserem Schiff zu suchen gehabt hatte. Julianne sagte daraufhin nur, dass sie dafür sorgen würde, dass der Exeter nicht passiere, wenn ich sie nur in Ruhe ließe. Auf meine Frage, wie sie das anstellen wolle, antwortete sie wieder nicht, sondern meinte nur, wir sollten einfach die sechs Wochen zusammen genießen, die uns noch blieben. Wie stellt sie sich das vor? Lächelnd mit ihr Urlaub machen während ich weiß, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, sie in Angst lebt und sie mich belügt? Mein Zorn wuchs stetig, doch bevor die Situation vollends eskalierte, platzte George mitten in unsere Debatte. Tja, ich hatte vermutet, jetzt würde die Wahrheit ans Licht kommen, doch weit gefehlt. Julianne lächelte plötzlich, wie verwandelt, und schien sich auf einmal aufrichtig zu freuen, ihren Mann zu sehen! Ich verstand die Welt nicht mehr. George fragte, ob er störe (das hat er noch nie getan) und als ich mit einem scharfen "ja" antwortete, lächelte auch er und meinte, ich könne ja nachher, wenn wir fertig wären, zu ihm kommen (auch das hat er noch nie getan). Und dann ging er einfach, ohne sich über meinen unfreundlichen Rausschmiss aufzuregen. Das saß. Ich habe keine Ahnung, was passiert war oder ob sich doch noch Alkohol in meinem Blut befand. George benahm sich einfach nicht wie – wie George. Was soll ich dazu sagen? Glauben wird mir das eh keiner. Vielleicht würde man auf einen Vaterkomplex zu sprechen kommen oder auf eine ungesunde Paranoia, aber ich, Jaqueline Dawson, weiß, dass mein Vater in diesem Moment sich völlig untypisch verhielt.

Oh, da kommt jemand – Computer, Ende. Und denk an deine Schaltkreise!

Computer, weiter. Wagner hat mich zu sich zitiert, du liebe Güte. Hatte ganz vergessen, dass er jetzt mein Chef ist, aber was soll's? Ich weiß jetzt, dass er zu den Leuten gehört, die es zu schätzen wissen, wenn man sie aus dem Feuergefecht holt. Eigentlich wollte ich mal wieder gar nichts sagen, weil – es geht ihn ja auch nichts an, was ich nach meinen Eltern werfe. Außerdem habe ich auf den Boden geworfen und nicht auf einen von beiden gezielt (sonst hätte ich nämlich getroffen), das kann doch nicht so schlimm sein. Natürlich wollte er wissen, warum ich das gemacht habe und er hat mir deutlich gemacht, dass man sicherlich nach seinen Eltern werfen kann, was man will – allerdings sollte man dabei bedenken, dass einer von den beiden Admiral ist. Na, toller Hinweis – das weiß ich auch schon länger. Schließlich habe ich ihn in einiges einweihen müssen, auch, wenn mein Vertrauen in andere mittlerweile drastisch gesunken ist. Ist ja auch klar, oder? Mein erster Vorgesetzter, O'Neill, schießt auf mich. Selbst Doc Caine hat mit einem Phaser auf mich gezielt. Ein weiterer hochrangiger Offizier, Commodore Roberts, lässt sich vor meinen Augen vom Maquis abholen. Gomez, der nächste Vorgesetzte, schwärzt mich bei von Teuffel an. Renaro, ein wichtiger Informant bezüglich der Geschehnisse mit meiner Mutter, stirbt bei einem mysteriösen Auftrag. Meine Mutter lügt und mein Vater hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Habe ich etwas vergessen? Nein, ich denke, dass ist ausreichend, um ein gewisses Misstrauen gegen die gesamte Umwelt aufbauen zu dürfen, oder?

Aber zunächst zurück zu der Situation in Juliannes Quartier. Mein Vater ist also klaglos wieder gegangen und ich stehe also da wie vor den Kopf geschlagen. Meine Mutter lächelt immer noch, redet was davon, ich solle ihrer Liebe zu George und so weiter eine Chance geben und wir sollten uns doch einfach schöne sechs Wochen machen. Tja, da haben wir uns wieder gestritten, weil ich sie an ihr ursprüngliches Verhalten erinnert habe, sie aber nicht ansatzweise bereit war, ihre plötzliche Hochstimmung gegenüber meinem Vater fallen zu lassen. Als ich meinte, wir sollten die sechs Wochen vergessen, weil ich mit niemandem schöne Ferien verbringen könnte, der mir etwas vorlügt, da hat sie gesagt, es wäre wirklich besser, wenn sich unsere Wege hier trennen würden. Das war's. Ich bin dann gegangen. Ach, Computer, das ist doch alles Mist bisher! Wenn ich nur wüsste, wer lügt und weshalb und wem ich trauen könnte! Ich schwebe sozusagen im luftleeren Raum und bin - bin so hilflos. Was soll ich nur machen?

Egal, weiter. Sonst werde ich noch sentimentaler und das kann ich nicht leiden. Ich bin dann zu George, reichlich schaumgebremst und verunsichert. Habe mich dann in sein Quartier gefläzt, ihm Vorwürfe gemacht und auch weiteres versucht, ihn zu provozieren, damit er sein wahres Gesicht zeigt. Doch er blieb völlig ruhig, gab an, er hätte viele Fehler in der Vergangenheit gemacht und wolle es wieder gut machen. Er wolle unsere Familie wieder zu dem machen, was sie früher mal war. Toll, früher heißt hier vor fast zwanzig Jahren. Und wie will er mit einer Entschuldigung vierzehn Jahre und zwei Monate Gefängnis ungeschehen machen? George blieb stoisch reumütig, löschte auf mein Verlangen hin meinen Eintrag von Paris, meine Auflagen und meine Verurteilung und versprach sogar, denjenigen zu finden, der Julianne meinen angeblichen Tod untergejubelt hatte. Ich bin dann immer stiller geworden, mir fiel wirklich nichts mehr ein. Das konnte nicht George sein. Entweder, man hatte ihn ausgetauscht oder geklont oder er war ein besserer Schauspieler, als ich dachte, und er versuchte mir diesmal auf freundliche Art und Weise eins auszuwischen. Wenn das letztere zutrifft, dann hat er es geschafft. Die einzigen beiden Themen, mit denen ich ihn kurzfristig wütend gekriegt habe, waren die angebliche Scheidung, die er ungehalten dementierte (seltsam, oder?), und Admiral Williams, den er tatsächlich verabscheut. Er hat mir dann zum Schluss die Hand gereicht, aber ich habe sie nicht angenommen. Dann ging er wieder zu einer seiner Besprechungen und ließ mich völlig verwirrt zurück. Irgendwas stimmt da nicht. Absolut nicht.

Er hat mir dann noch eine Nachricht zukommen lassen, dass er mit seinen Nachforschungen bezüglich der ganzen Trelka-Geschichte weiter gekommen sei und dass ein alter Konkurrent aus seiner Akademiezeit wohl dafür verantwortlich ist. Für eine Verhaftung würden ihm aber noch die Beweise fehlen. Der einzige, der mir spontan einfällt und zur gleichen Zeit wie mein Vater auf der Akademie war, ist Admiral Williams. Ob ich Vanessa warnen sollte? Ich weiß es nicht. Ich weiß mittlerweile gar nichts mehr. Schließlich teilte er mir noch mit, dass er Julianne zur Sicherheit zwei Wachen zugeteilt habe (damit ihr nichts passiere) und lud sie und mich zu einem gemeinsamen Urlaub auf Risa ein. Das schoss den Vogel ab und, nun ja, als ich sie dann beide auf der Promenade gesehen habe, so einträchtig beieinander, und George mir freundlich vorschlug, sie ein Stück zu begleiten, hat es mir gereicht und ich habe den Materialbehälter zwischen sie beide geworfen. Vielleicht habe ich kurz gehofft, dass so die Illusion zerplatzt, aber funktioniert hat es nicht und besser ging es mir, nachdem sich alles auf dem Fußboden verteilt hatte, auch nicht. Als George dann die Sicherheit rief und man mich in meinem Quartier festsetzte, wusste ich, dass mein Wutausbruch ein Fehler gewesen war. Aber ich bin auch nur ein Mensch, ich bin nicht George und zudem... Ich kann nicht mehr. Wirklich nicht. Wäre doch etwas da, was ich hassen und bekämpfen könnte! Aber da ist nichts. Nichts Greifbares. Aber aufgeben gibt es trotzdem nicht. Das würde ich mir nie zugestehen. Wagner ist grob eingeweiht, was etwaige Gefahren für die Exeter angeht und dass irgendetwas schief läuft. Er hat mir einen Eintrag erspart und auch weitere Strafen, wirklich ein feiner Kerl, dieser Wagner. Er würde sich genauso für die Exeter vierteilen lassen wie ich. Natürlich wollte er mehr wissen, aber was soll ich ihm sagen? Erstens habe ich selbst nur wage Vermutungen, zweitens scheint es reichlich gefährlich zu sein, in die ganze Angelegenheit verwickelt zu werden, wie man an meiner Mutter und ihrem Platoon gesehen hat, an Renaros Tod, an meinem Großvater (der dubiose Shuttleunfall damals) und an diesem Typen, der angeblich meine Todesurkunde bei Julianne abgegeben haben soll (noch so ein Shuttleunfall). Es sollen nicht noch mehr Leute ins Gras beißen wegen zuviel Wissen, so wie Julianne es mir auch deutlich zu verstehen gegeben hat. Es sei besser für mich, nicht mehr zu fragen. Sie könne dafür sorgen, dass der Exeter nichts passiert. Oh, man. Vielleicht können Wagner und Yxen auf die Exeter aufpassen, während ich auf Risa bin, denn ich werde hingehen. Wagner hat es mir abgesegnet, er ist ja jetzt mein Chef. Nur so kann ich vielleicht hinter die Maskeraden schauen. Oder ich bringe einen von beiden, George oder Julianne, um. Oder beide. Das war ein Witz, Computer, komisch, nicht?

Lloyd hat mir zudem zugesichert, bei dem nächsten Gespräch mit meinen Eltern dabei zu sein, wenn es möglich ist. Als Halbbetazoid hat er vielleicht die Chance, ihre wahren Gefühle zu spüren, was sicherlich aufschlussreich wäre. Er hatte natürlich meine Wut bemerkt, da im Babylon-Camp, aber alles erzählt habe ich ihm trotzdem nicht. Das kann ich nicht. Auch er wäre gefährdet.

Gleich kommt noch der Captain, vor dem ich mich auch noch verantworten muss. Aber ernsthaft – ich kann ihm von den seltsamen Gemütsschwankungen, speziell von George, nichts erzählen. Entweder hält er mich für verrückt, für paranoid oder er trampelt wieder auf George herum. Ich mag den Captain wirklich und er soll mich für kein Weichei halten, zudem nicht gefährdet werden wegen mir. Nein, wahrlich nicht! Obwohl ich seine Antwort kennen würde: "Überlassen Sie das mir, ob ich mich gefährden möchte oder nicht!"

Vielleicht habe ich noch die Möglichkeit, etwas über diesen Gul Balor herauszufinden, worum mich Wagner gebeten hat. Auch um Lhasas Vater möchte ich mich weiter kümmern. Hoffentlich hat sie mehr Glück mit ihm.

Auf nach Risa. Auf in den Urlaub. Hurra! Computer, Ende.

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